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Das Bilderbuch „Stadt am Meer“ : Auch der Ozean ist seither ein anderer

Joanne Schwartz, Sydney Smith: „Stadt am Meer“. Aus dem Englischen von Bernadette Ott. Aladin Verlag, Hamburg 2018. 52 S., geb., 18,– €. Ab 5 J. Bild: Aladin

Als die Mine den Herzschlag vorgab: Das Bilderbuch „Stadt am Meer“ von Joanne Schwartz und Sydney Smith fängt eine Welt ein, die noch nicht lange verschwunden ist, aber unwiederbringlich.

          Wenn ein Kind aufwacht und Möwenschreie hört, Hundegebell, die üblichen Geräusche einer Familie am Morgen und schließlich das Gewisper von „Wiesenkerbel und Lupinen im Wind“, dann deutet das auf eine glückliche Kindheit hin. Im Bilderbuch „Stadt am Meer“, das Joanne Schwartz geschrieben und Sydney Smith illustriert hat, gehen diese Hinweise auch offensichtlich nicht ins Leere: Der Junge, der seine Geschichte erzählt, spielt tagsüber im Freien, geht für die Mutter einkaufen oder besucht das Grab seines Großvaters. Er erlebt eine Freiheit, die man einem Kind andernorts kaum zugestehen würde, deren Bilder aber geschnitten sind mit anderen: mit wundervollen Ansichten des Meeres und mit der Schwärze der Kohlenflöze tief darunter.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort arbeitet der Vater des Jungen, dort hat der Großvater gearbeitet, der nun auf dem Friedhof liegt, mit Blick aufs Meer, wie er sich das gewünscht hatte, und dort wird, wenn alles seinen normalen Gang geht, auch einmal der Junge arbeiten.

          Dass es nicht so weitergehen wird, kann der Junge in dieser wohl in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts angesiedelten Geschichte nicht wissen, wohl aber die Autorin, die auf der kanadischen Halbinsel Cape Breton aufgewachsen ist. Die dortigen Kohlegruben erwiesen sich kurze Zeit später als unrentabel und wurden geschlossen, die Schwärze, die in den Bildern schwer auf den Bergleuten lastet, wird im Leben des Jungen keine Rolle mehr spielen.

          Noch nicht lange verschwunden, aber unwiederbringlich

          Die Geschichte aber, die mit wenigen Worten auskommt, dafür sehr viel mehr über die Bilder erzählt wird und dort mit Anschnitten, Details und dann wieder mit prächtigen Panoramen arbeitet, verschränkt diese Ebenen so eng miteinander, dass man sich fragt, wie das gewohnte Gefüge von städtischem Leben, von Meer und Landschaft ohne die Schwärze der Flöze auskommen kann und ob nicht alles ins Wanken gerät, wenn dieser Baustein entfernt wird.

          Vielleicht ist es diesem Rückblick in eine längst untergegangene Zeit geschuldet, vielleicht aber auch der Tatsache, dass hier ausdrücklich der Alltag in der Bergarbeitersiedlung abgebildet werden soll und keine unerhörte Begebenheit, dass die Gesichter der Protagonisten von tiefer Ruhe überzogen sind: die schaukelnden Kinder, die Passanten, die Bergleute und auch Vater und Sohn, die sich abends nach einem langen Tag in den Arm nehmen, sie alle sind fast ohne Regung dargestellt. Nur dass sich der Vater vor Müdigkeit am Abendbrottisch kaum aufrecht halten kann, teilt sich sofort mit.

          Was ist das für ein Buch, auf welches Publikum zielt es ab, was will es vermitteln? Es ist, zuallererst, ein Kunstwerk aus eigenem Recht, das, ohne das Vermögen der beiden Urheber allzu plakativ auszustellen, doch vermittelt, wie man eine solche Geschichte erzählen kann und welche Rolle dabei die unterschiedlichen Möglichkeiten spielen, ein Bild oder eine Sequenz aufzubauen. Vor allem aber ist es der Versuch, eine Welt einzufangen, die noch nicht lange verschwunden ist, aber unwiederbringlich: Die Kohlenflöze unterm Meer sind nicht mehr Teil eines Gemeinwesens, um sie herum richtet sich keine Siedlung mehr ein. Sie sind allenfalls noch museales Relikt. Daran, dass dies einmal anders war, erinnert dieses fabelhafte Bilderbuch.

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