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Bilderbuch aus dem Samiland : Ein Funke, der alles werden kann

Alles ist beseelt: In den Bildern der samischen Künstlerin Sissel Horndal nimmt der eiskalte Wind die Gestalt eines Wolfs an. Bild: Sissel Horndal / Baobab Books

Endlich merken auch die Menschen, was die Stunde geschlagen hat: Sissel Horndals Bilderbuch „Máttaráhkkás weite Reise“ erzählt vom Leben im Samiland.

          2 Min.

          Die „gemäßigten Breiten“ heißen so, weil es auch andere Erdgegenden gibt, in denen die Wechsel zwischen den Jahreszeiten spürbarer sind und die Ausschläge zwischen den Wetterlagen abrupter. Wer den Norden im Sommer bereist, kennt die extrem gedehnten Tage bis hin zu Perioden ständigen Sonnenscheins, die Vegetation, die sich dem so kurzen, aber intensiven Sommer in die Arme wirft und den gedeckten Polartönen von Fels und Eis einen Farbenrausch entgegenhält.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Man wird das umso mehr genießen, je genauer einem bewusst ist, was auf einen solchen Sommer folgt, was man also verliert, wenn aus dem einen langen Tag wieder mehrere werden, weil die Nacht zurückkehrt und rasant an Dauer gewinnt, und mit ihr die jähe Kälte. So wird man auch umso wachsamer sein für den feinen Moment, in dem sich dieser Umschwung zwischen den Jahreszeiten zum ersten Mal ahnen lässt.

          Im norwegischen Bilderbuch „Máttaráhkkás weite Reise“, das jetzt auf deutsch erschienen ist, geht es um diesen Moment. Und es fällt der Mücke zu, ihn als Erste wahrzunehmen. Sie teilt ihren Eindruck mit dem Bären, der sich daraufhin still und entschlossen in den Wald zurückzieht – mehr muss die samische Autorin und Künstlerin Sissel Horndal, geboren 1970 im nordnorwegischen Bodø, gar nicht beschreiben, um uns den Einbruch des Herbstes vor Augen zu führen. Der Bär stößt an einen Baum, ein Blatt löst sich und trudelt vorbei, die wachsamen Zugvögel folgen ihm mit den Augen und „machten sich bereit für das, was geschehen würde“. Dann kommt der Frost. Und endlich merken auch die Menschen, was die Stunde geschlagen hat.

          Wenn wir ganz still sind, kommt die Sonne zurück

          Es ist dieser Blick auf den Moment, verbunden mit der Ahnung für das Künftige, der dieses Bilderbuch so besonders macht. „Aha, so ist das also“, sagen Tiere und Menschen, wenn die Veränderungen im Jahresverlauf sichtbar werden, alles ist wie zum ersten Mal erlebt und zugleich von dem Wissen um diesen Wechsel begleitet. Auf die äußere Dynamik des Herbstes folgt der scheinbare Stillstand des Winters, auf die verblassenden Farben der ersten Seiten das kräftige Dunkel des zentralen Teils dieses Buchs, bevor sich das Ganze im Frühling aufhellt und das warme Rot und Orange des Sommers die letzten Seiten bestimmt.

          Sissel Horndal: „Máttaráhkkás weite Reise“. Eine Erzählung aus dem Samenland. Aus dem Norwegischen von Elisabeth Berg. Baobab Books, Basel 2019. 32 S., geb., 18,50 Euro. Ab 5 J.

          Verschränkt in diese Geschichte ist noch eine andere, die teils unter den Menschen auf der Erde, teils in einer anderen Welt spielt und die ihren Reiz aus der Berührung dieser beiden Sphären bezieht. Den Flug der Zugvögel nach Süden beobachten zwei Menschen, die am Ufer eines Sees leben und sich „gegenseitig versprochen hatten, zusammenzuhalten“. Als der Frost und die Dunkelheit kommen, geht das Paar täglich hinaus: „,Wenn wir ganz still sind, kommt die Sonne zurück‘, flüsterten sie sich zu. Alles, was sie sahen, war der Rauch des Feuers, der einen weißen Pfad zu den Sternen zeichnete.“

          Als hätten sie nur darauf gewartet

          Damit ist der Beginn einer weiteren Geschichte markiert, die von dem samischen Gott Radien und den anderen Göttern, die zusammenwirken, um neues Leben zu erschaffen. Das aber ist zunächst nichts als Licht, eine Art Keim, von dem nicht einmal die Götter wissen, ob es Bär, Mensch oder Rentier werden wird, und dieser Moment der Geschichte ist vielleicht die schönste Ausdeutung der Schamanen-Religion des Nordens – wo aus dem Licht alles werden kann, da ist der Respekt den anderen Spezies gegenüber selbstverständlich.

          Die Götter jedenfalls wirken im Verborgenen, und trotzdem fährt die Frau im Lager am Seeufer in einer Winternacht aus tiefem Schlaf auf, weil sie die Stimmen der Göttinnen gehört hat. „Aha, so ist das also“, sagt sie, und in den gleichförmigen Ablauf der Jahreszeiten ist nun eine neue Geschichte eingefügt, die das Werden und Vergehen der Natur in erheblich größere Dimensionen als nur zwölf Monate fasst. Ganz so, als ob die Protagonisten dieses Buchs nur auf das neugeborene Kind gewartet hätten.

          Sissel Horndal: „Máttaráhkkás weite Reise“. Eine Erzählung aus dem Samenland. Aus dem Norwegischen von Elisabeth Berg. Baobab Books, Basel 2019. 32 S., geb., 18,50 Euro. Ab 5 J.

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