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Siri Pettersen: „Bubble. Die magische Kugel“. Roman. Aus dem Norwegischen von Dagmar Mißfeldt. WooW Books, Hamburg 2020. 336 S., geb., 16,– €. Ab 10 J. Bild: WooW Books

Kinderroman von Siri Pettersen : Das verglaste Kind

  • -Aktualisiert am

Was, wenn sie alle wahr werden? Siri Pettersen führt in ihrem Kinderroman „Bubble“ auf den Schuttabladeplatz der Wünsche.

          3 Min.

          Die norwegische Schriftstellerin Siri Pettersen wurde mit ihrer kürzlich auch auf Deutsch erschienenen, in der nordischen Sagenwelt angesiedelten „Rabenringe“-Trilogie um Ränkespiele in einer empathiefernen Welt bei jugendlichen Lesern berühmt. Ebenso engagiert, aber an Kinder gerichtet ist nun ihr Öko-Roman „Bubble“, der Züge des Schlaraffenland-Mythos oder der Freigeistliteratur Astrid Lindgrens aufweist. Seine Heldin ist die erst zwölfjährige, aber schon lebensmüde Kine, die ihrer Heimatstadt „Mottenburg“ samt „Schrottschule“ und „Kleinhirnen“ von Mitschülern, Mobbern und Gangmitgliedern um den Anführer Jarle gerne den Rücken kehren würde.

          Dabei hat sie politisch korrekte, doch ihre Kinderseele mit Magermilch und Hygienefimmel quälende, unverständige Eltern. Ein Friedhof ist Kines Zufluchtsort und ihre „Bubble in der Stadt“. Dort findet sie eine apfelgroße Glaskugel. Die beginnt dann in Kines Zimmer zu wachsen, bis Kine in sie eintreten kann – die Kugel wird so zu ihrer mit magischen Kräften ausgestattete Festung, und auch die mysteriöse Flickenpuppe im Kugelinneren besitzt Magie. Überhaupt: Die Kugel kann fliegen, tauchen und zudem Wünsche erfüllen, ein wirbelnder „Wünscheschnee“ verschafft ihr einen aufblasbaren Flamingo, Kapuzenpulli oder Vollmilch, aber auch Geld und Juwelen.

          In diesem Kokon lebt es sich jedenfalls ausgezeichnet, und alle Versuche von Kines Vater, sie mit Pizza in die reale Welt zurückzulocken, scheitern. Stattdessen brettert Kine mit der fliegenden Kugel durch die Hauswand, um eine „Tochter der Wildnis“ zu werden, fliegt in die Berge und ans Meer. Doch die Initiationsreise zeigt ihr die Grenzen des Wachstums und Wünschens und die Kehrseite des Schlaraffenlands – wie Klimawandel und vermüllter Meeresboden – auf.

          Doch dann begibt sich Kine, vielleicht aus Langeweile und Sehnsucht nach Zwist, auf Stippvisite in die Menschenwelt. Klaustrophobisch gerät der Moment, als das Kugelglas zäher wird und Kine, die es zuvor doch wie Gelee durchschreiten konnte, sich für innen oder außen entscheiden muss. Sie wählt das Leben in der Bubble.

          Eine Parabel um Missetaten und Umweltsünden

          Verglast und unverwundbar unternimmt sie ein Replay des Familienlebens und des Schulalltags. Der Leistungsgesellschaft und der Macht des Mobbings im Klassenzimmer steht die Magie der Kugel gegenüber, wenn Kine vom Outcast – indem sie Lösungen für die Klausur herbeiwünscht – zur „Schummelpäpstin“ und zum Star im coolen Flugobjekt avanciert. Und „Kine in der Kugel“ wird in Mottenburg bald auch zur Attraktion in der Presse und zum Kultobjekt einer Hippie-Gemeinde, die sie „Karma“ nennt und in Wohnmobilen vor ihrem Haus campt.

          Das Fair-Trade-Märchen gibt auch Einblicke in die Ökonomie des Wünschens und Verteilungskämpfe der Ressourcen. Dass die Kugel als Deus ex Machina kein gerechter Gott ist, wird Kine erst gewahr, als sie bemerkt, dass die Objekte ihrer befriedigten Wünsche andernorts fehlen: So gleichen die laut Smartphone-News verschwundenen britischen Kronjuwelen der Tiara auf ihrem Kopf. Und die ökologischen Folgen werden sichtbar, wenn sich die über ein Loch in der Kugel entsorgten unnötigen Wünsche auf dem Schuttabladeplatz einer Hochebene türmen. Das Kugelmotiv erhält kosmische Aspekte, als Kine auf Sternenreise in der Bubble das Universum sichtet im Spiel verspiegelter Kugeln. Erde und Menschen werden relativiert, was zugleich zur Solidarität aufruft: „Der Erdball war eine Kugel, und da unten wohnten Milliarden Menschen, zwischen denen es einen Zusammenhang gab. Oder waren auch sie Kugeln?“ Aus der Naht der „zerlumpten Brust“ der Puppe brechen derweil als rätselhaftes Sündenregister mit Streichen assoziierte Dinge hervor wie der Buntstift, mit dem sie einst aus Rache auf einen Grabstein Jarles Namen schrieb. Hinter dem kecken Gewand birgt das Kinderbuch eine Parabel um Missetaten und Umweltsünden.

          Ein unerwartetes Ende

          Irgendwann sinnt Kine nach Wegen, dem Kugeldasein zu entfliehen und sich in die Gesellschaft einzubringen. Je mehr sie ihre Ausrutscher und Fehler revidiert (indem sie etwa Entschuldigungsmessages textet), desto poröser wird die Puppe und desto mehr Risse bekommt das Kugelglas. Beim kathartischen Absturz im Kristallregen zerspringt die Kugel, und Kine landet in Tannenzweigen auf dem Marktplatz. Die in der Hochebene entsorgten Wünsche werden eingesammelt und recycelt als Geschenke fürs Sozialamt.

          „Bubble“ besticht trotz der gelegentlicher Überdosis Moralismus durch magischen Realismus und Bilderbögen morbider Schönheit: „Weit unter ihr segelte der Wald vorüber, dunkel wie Blutbahnen auf dem weißen Schnee.“ Der kühne Ritt zwischen Wachtraum und Erwachsenwerden führt schließlich an ein unerwartetes Ende: Kine ist wunschlos glücklich.

          Siri Pettersen: „Bubble. Die magische Kugel“. Roman. Aus dem Norwegischen von Dagmar Mißfeldt. WooW Books, Hamburg 2020. 336 S., geb., 16,– €. Ab 10 J.

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