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Simon van der Geest: „Das Abrakadabra der Fische“. Roman. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Verlag Thienemann, Stuttgart 2019. 320 S., geb., 15,– €. Ab 10 J. Bild: Thienemann

Neues von Simon van der Geest : Du mit deinen Fragen!

Schwan schlägt Handy: In seinem Kinderroman „Das Abrakadabra der Fische“ bringt Simon van der Geest feindliche Brüder zusammen.

          3 Min.

          Als das Aquarium in Scherben auf dem Boden liegt, weiß die zwölfjährige Vonkie, dass es schlimm um ihre Familie steht. Die Sekunden unmittelbar davor hat sie nicht mitbekommen, erst den Knall, aber was sie sieht, als sie daraufhin die Küche betritt, reicht aus für eine Rekonstruktion: Die Mutter hält die Bratpfanne noch in der Hand, die Fische liegen japsend auf dem Boden, der Vater, sonst offenbar eher ungerührt und stumm, sieht aus, als wolle er gleich anfangen zu schreien.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass er es trotzdem nicht tut, ist vielleicht Teil des Problems, und dass er sich in dieser Situation ausschließlich mit seinen geliebten Fischen beschäftigt, macht es nicht besser. „Und ich?“, fragt seine Frau. Dann stürmt sie aus der Küche, um wenig später Vonkie ins Auto zu packen und zu ihrem Vater zu fahren, wo das Mädchen eine Woche bleiben soll. Die Eltern sollen sich aussprechen, so wenigstens will es Vonkies Mutter. Der Roman „Das Abrakadabra der Fische“, der mit dieser Szene einsetzt, schildert aus Vonkies Sicht den Verlauf dieser Woche. Dass es ein Experiment mit offenem Ausgang ist, wissen die Eltern so gut wie ihr Kind.

          Simon van der Geest, geboren 1978, gehört in seiner niederländischen Heimat zu den bekanntesten Autoren der Kinder- und Jugendliteratur. Sein Roman „Krasshüpfer“ schildert den plötzlichen Zwist zweier Brüder, die sich bis dahin sehr gut verstanden hatten, und ein wesentlicher, wenn auch aus großer zeitlicher Distanz berichteter Konflikt in van der Geests Roman „Das Abrakadabra der Fische“ ist ähnlich gelagert. Vonkie empfindet die Fahrt zum Großvater und dem Bauernhof in Familienbesitz wie eine Zeitreise – die erfreulicherweise dem Buch im Vorsatz beigegebene Karte zeigt ein Gelände mit einigen Kanälen und anderen Wasserläufen, dazu Wiesen, eine Mühle und ein Dorf –, kann aber noch nicht ahnen, dass dies nicht nur eine Metapher für die friedliche, traditionelle Ländlichkeit ist, sondern ganz buchstäblich zutrifft. Das neugierige Mädchen nimmt das, was sie sieht, zum Anlass, den Großvater nach der Vergangenheit zu fragen, angefangen mit der in dieser Generation noch großen Familie aus Eltern und sieben Brüdern.

          Eine scheinbar einfache Familienstruktur

          Die Antworten des Großvaters, die meist viel länger ausfallen als erwartet, bilden den Kern dieses Buchs und sind mit der Gegenwart nicht zuletzt durch Vonkies Ermittlungen verbunden, die das Mädchen immer dann anstellt, wenn die insgesamt zehn Geschichten aus der Kindheit und Jugend des Großvaters allzu deutlich unter vielen Details das Wesentliche verbergen. „Du mit deinen Fragen“, seufzt der Großvater, wenn Vonkie jener einen Geschichte zu nahe kommt, die er nicht erzählen will: Wie es dazu kam, dass er sich mit seinem geliebten älteren Bruder „Beule“ so tödlich zerstritten hat, dass sie nun seit knapp fünfzig Jahren keinen Kontakt mehr haben.

          Es geht um Annäherungen in diesem Buch, um die erhoffte neuerliche zwischen Vonkies Eltern, die unterwegs zerstörte zwischen den Brüdern und die langsam wachsende zwischen Vonkie und ihrem Großvater. Das Mädchen ist in der Kammer unterm Dach untergebracht, in der früher der Großvater schlief, zusammen mit Gisbert, genannt Beule – alle sieben Brüder hatten Spitznamen, er selbst, Leo, wurde „Eisen“ genannt, was sich als wahr und unheilverheißend entpuppte. Sie erfährt von Streichen und Abenteuern, in denen Eisen und Beule als scheinbar unzertrennliches Paar fungieren, in dem der ältere Bruder den jüngeren aus jeder Gefahr heraushaut. Vor allem aber geht es um eine scheinbar einfache, tatsächlich aber problematische Familienstruktur, in der die oft wie abwesende Mutter eine entscheidende Rolle einnimmt. Als Vonkie einmal die Erzählungen des Großvaters kommentiert, diese Frau, ihre Urgroßmutter, hätte sich wirklich nicht sehr zugewandt verhalten, brummt er nur, seine Mutter sei jetzt seit 24 Jahren tot. Dass ihm die Perspektive des Kindes trotzdem zu denken gibt, kann man annehmen.

          Auch für knurrige Mitglieder kein Entkommen

          Die Woche jedenfalls entpuppt sich als äußerst kurzweilig, auch für den Leser. Nicht nur wegen der vielen Geschichten des Großvaters, die vom Schlittschuhlaufen auf zugefrorenen Kanälen, von Wildvogeleiersuche, Abenteuern in der verrufenen Mühle in der Nachbarschaft oder sogar einem allerersten Kuss handeln. Sondern auch wegen der Abenteuer, die in der Gegenwart auf Vonkie und ihren Großcousin, den Sohn des jetzigen Bauern, warten. Beide lassen nicht locker in ihren Versuchen, das Geheimnis zu lüften, das Beule und Eisen umgibt, und es ist diese Erfahrung, die Vonkie schließlich auch gegenüber ihren Eltern die Stärke gibt, deren Entscheidung über Zusammenleben oder Trennung hinzunehmen.

          Hier liegt vermutlich das größte Verdienst eines verdienstvollen Romans, der in all seiner Spannung, seinem Tiefgang und seinen immer wieder neu dargestellten Kommunikationsproblemen auch ausgesprochen komische Szenen enthält (etwa den Kampf eines wütenden Schwans mit einem Handy, das Raubvogelschreie ausstößt): Was zwischen Menschen passiert, ist kein Schicksal, so könnte man das deuten, und wer es nicht hinnehmen will, dass Brüder, die einmal füreinander durch dick und dünn gegangen sind, nun ein halbes Jahrhundert lang kein Wort miteinander wechseln, der sollte wenigstens versuchen, die Streithähne an einen Tisch zu bringen.

          Der Autor jedenfalls dürfte hier ganz auf Vonkies Linie liegen. Und so wie er selbst ein kunstvolles Netz von Verweisen über sein Buch legt, ein Netz, das hartnäckig die Zeitläufte und die Protagonisten miteinander in Bezug setzt, so gibt es auch für die knurrigsten Mitglieder von Vonkies Familie kein Entkommen daraus. Auch das lässt auf eine gemeinsame Zukunft für die Eltern hoffen.

          Simon van der Geest: „Das Abrakadabra der Fische“. Roman. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Verlag Thienemann, Stuttgart 2019. 320 S., geb., 15,– €. Ab 10 J.

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