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Shaun Tans Bilderbuch „Zikade“ : Kollege fleißig. Aber verhasst.

Ein einziges Mal führt der Weg der Zikade nach oben. Doch es ist einer zum Abgrund. Bild: Aladin Verlag

Shaun Tans „Zikade“ porträtiert in kargem Wort und opulentem Bild die moderne, böse und graue Arbeitswelt.

          2 Min.

          Die berühmteste Insektenerzählung der Literaturgeschichte beginnt mit dem Phänomen, das sie im Titel trägt: Verwandlung. Bei „Zikade“ kommt diese Sache erst zum Schluss – die Verwandlung, nicht die titelgebende Zikade. Die ist nämlich von Beginn des Bilderbuchs an da, als graugekleidete Büroangestellte, deren Status man wohl nicht anders als mit „in prekären Verhältnissen“ charakterisieren könnte: unbefördert seit siebzehn Jahren, mies bezahlt genauso lange. Mangels höheren Einkommens lebt die Zikade im Bürogebäude. Das kennen wir aus der berühmtesten Büroerzählung der Literaturgeschichte, aber im Gegensatz zu deren Titelheld, Bartleby, ist die Zikade ein Muster an Arbeitseinsatz. Sie macht Überstunden, bügelt die Schnitzer ihrer menschlichen Kollegen aus, und wie danken die es ihr? Mit schlechter Behandlung, denn die Zikade ist anders als sie. Nicht nur fleißiger, sondern auch äußerlich.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist der Moment, wo etwas zum Autor dieses hinreißenden Buches gesagt werden muss, zu dem australischen Illustrator Shaun Tan. Er ist der Sohn eines malaiischen Vaters chinesischer Abkunft, der vor langer Zeit nach Australien eingewandert ist, und dessen von dort stammender Ehefrau. Kurz: Shaun Tan hat als Kind erfahren, was ein anderes Aussehen als das der Mehrheit bedeutet, und wie seine Zikade ist auch er von etwas kleinerer Gestalt als die meisten Menschen um ihn herum.

          Die eigene Familiengeschichte gab ihm 2006 die Anregung zu seiner Migrationserzählung „The Arrival“ (auf Deutsch: „Ein neues Land“), einem der besten und einflussreichsten Bilderbücher der jüngeren Zeit, gänzlich ohne Worte erzählt, aber beredt in seiner Aussage. In „Zikade“ macht Shaun Tan nun eine ebenfalls individuelle, aber genauso kollektiv gültige Erfahrung zum Thema: die Ausbeutung fremdländischer Arbeitskraft durch die Einheimischen, hier personifiziert durch grau unifomierte Menschen, deren Gesichter man niemals sieht. Die Zikade dagegen hat große schwarze Kulleraugen und eine tiefgrüne Schuppenfärbung, die den einzigen Farbakzent in der auch ansonsten rundum grauen Bürowelt bietet.

          Shaun Tan: „Zikade“. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Aladin Verlag, Stuttgart 2019. 32 S., geb., 17,– Euro. Ab 5 J.

          Und diesmal gibt es Sprache im Buch, aber eine abgehackte, die man sich als die der Zikade selbst vorstellen muss, was nicht nur deren Schwierigkeiten mit der Artikulation eines ihr fremden Idioms belegt, sondern auch das Stakkato ihrer monotonen Tätigkeit vor einer Computertastatur aufnimmt. Jeder Textblock endet mit dem dazu passenden Geräusch: „Tack Tack Tack!“ Es scheint nur ein böses Entkommen davor möglich.

          Doch die Geschichte geht gut aus, und für die dorthin führende glückliche Wendung braucht Shaun Tan dann doch wieder gar keine Worte, sondern fünf grandiose Bilderdoppelseiten. Oder eigentlich deren sieben, denn mit dem Ende der Geschichte erweisen sich die beiden gezeichneten wortlosen Vorsatzpapiere des Buchs als ästhetisch kommentierender Rahmen. Das Finale aber besteht allein aus Worten: links auf einer bildlosen Doppelseite ausgeführt im unverkennbaren Zikaden-Erzählton, rechts das letzte „Tack Tack Tack!“, diesmal isoliert zu lesen. Und wir hören daraus dann nicht mehr das Klackern einer Tastatur, sondern das Geräusch, mit dem die Zikade sich im Gedenken an die Menschen an die Stirn tippt.

          Eike Schönfeld hatte als Übersetzer übrigens keinen leichten Job, obwohl es gerade einmal 51 denkbar kurze Sätze ins Deutsche zu bringen galt. Doch den richtigen Tan-Ton muss man erst einmal treffen. Die letzten fünf Sätze sind dabei die auf dem hinteren Einband: „Zikade erzählt Geschichte. Geschichte gut. Geschichte einfach. Geschichte, die sogar Mensch versteht. Tack Tack Tack!“ Genauso ist es. Klatsch Klatsch Klatsch!

          Shaun Tan: „Zikade“. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Aladin Verlag, Stuttgart 2019. 32 S., geb., 17,– Euro. Ab 5 J.

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