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Shaun Tans „Die Regeln des Sommers“ : Solange es flirrt, ist der Herbst noch weit

Bild: Aladin

Jedes Kind weiß, was die tollste Jahreszeit ist. Und jeder Erwachsene erinnert sich daran. Auch Shaun Tan. Das jüngste Werk des australischen Bilderbuch-Stars heißt „Die Regeln des Sommers“.

          Unvergesslich sind die Sommer der Kindheit. Endlose Ferien, grenzenlose Freiheit. Ich erinnere mich, dass selbst eine Waschbetonfläche in der Einfahrt durch die darin eingeschlossenen Kiesel zum Abenteuerschauplatz werden konnte, wenn man Wasser aus der Gießkanne strömen ließ, um zuzusehen, wie sich die Flut um die bunten Eilande verteilte. Welches von ihnen wohl davonkam, und welches überschwemmt wurde? Spannung jeden Tag aufs Neue, solange die Blumen in den Beeten Wasser brauchten.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sommer hieß auch mehr als jede andere Zeit Freundschaft. Denn es war Zeit füreinander, vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang. Und natürlich schien die Sonne ständig, im Juni, im Juli, im August, im September - wo auch immer das eigene Bundesland die sechs Wochen Sommerferien hingelegt hatte. Zur Abkühlung gab es Brause und den Rasensprenger, dessen tanzende Tropfenketten die schönsten Spiele ermöglichten - und die perfidesten Gemeinheiten.

          Ein Kinderspiel

          Und es gab eine Regel: Wiederhole dich, sooft es geht. Also jeden Tag ins Freibad und dort immer auf denselben Liegeplatz. Also noch einmal das Buch lesen, das schon den vergangenen Sommer verhext hatte. Also wieder auf die kleine Waldlichtung, wo im Zwielicht so viele kleine Insekten schwebten, dass man das erste Gefühl für große Zahlen bekam. Also hurtig in dieselben Verstecke, dieselbe Eisdiele, dieselbe Frittenbude (auch wenn man es in deren brodelndem Frittierdunst nicht lange aushielt). Diese eine Regel, sie sorgte für das Ewigkeitsgefühl.

          Im Englischen ist es die Mehrzahl, rules of summer, die zum stehenden Begriff geworden ist. Er bezeichnet ein Kinderspiel, in dem ein Regularium ersonnen wird, das für alle einen Sommer lang verbindlich ist. Und weil Englisch seit der Kolonialzeit überall auf der Welt gesprochen wird und überall auf der Welt Kinder miteinander spielen, ist auch der australische Zeichner Shaun Tan mit diesem Konzept aufgewachsen und hat es zum Titel seines neuesten Bilderbuchs gemacht: „Die Regeln des Sommers“. Der Sommer, den er uns darin vorführt, ist indes ein allgemeingültiger, auch wenn es Wassertanks auf den Dächern gibt wie in New York, Hochspannungsmasten wie in der Jülicher Börde oder Wirbelstürme wie auf den Philippinen. Vor allem jedoch gibt es zwei Jungen, die diesen Sommer miteinander verbringen. Und es gibt Regeln.

          Mit der Phantasiekraft eines Kindes

          Der kleinere Junge lernt sie vom größeren, und das nicht auf die angenehmste Weise. Immer ist es nämlich der Kleine, der etwas versäumt hat, zum Beispiel die rote Socke von der Wäscheleine zu nehmen, die letzte Olive liegenzulassen, sich die Parole zu merken. Das sind selbstersonnene Regeln, aber natürlich gibt es auch lebenspraktische: nie einem Fremden den Schlüssel geben, nie die Hintertür offenlassen, nie auf eine Entschuldigung warten. Die Folgen von Regelverstößen sind allerdings bei der einen wie bei der anderen Gruppe fürchterlich.

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