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Shaun Tans Bilderbuch „Die Fundsache“ : Was macht das Ding da in unserer Stadt?

Bild: Carlsen

Der Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch heißt in diesem Jahr Shaun Tan. Und schon ist ein neues Werk des australischen Künstlers übersetzt: „Die Fundsache“.

          3 Min.

          „Eigentlich“, so erinnert sich Shaun Tan, „hätte die Fundsache ein Hund sein sollen.“ Die Fundsache wurde aber kein Hund, und das ist gut, denn verlorene Hunde kennt man aus Film, Funk und Fernsehen (und Jugendliteratur natürlich auch) zur Genüge. Also wurde die Fundsache ein - ja, was wurde sie? Vielleicht eine überdimensionierte Kanne oder ein Hochofen zur Beheizung von Flugzeughallen in Grönland? Jedenfalls ist die Fundsache groß und rund und rot, hat sechs höchst bewegliche Stummelbeine und zwei mächtige Scherenarme, pfeift munter aus dem rechten Tentakel und wedelt dazu mit dem linken herum, hat viele Türen und Schubladen im gewaltigen Leib und einen flachen genoppten Deckel oben drauf. Was sie aber ist, das weiß man nicht. Nur eines: Sie ist verloren. Im Original heißt sie auch nicht Fundsache, sondern nur „the lost thing“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wie steht es um dieses arme Ding? „Viel machte es nicht. Es stand bloß da, wie fehl am Platz. Ich war baff.“ So schildert der junge Mann mit der kleinen Brille seine erste Begegnung mit dem armen Ding, das er zufällig am Strand seiner Heimatstadt findet. Ein Sonderling erkennt dabei den anderen, denn der junge Mann ist fanatischer Kronkorkensammler, der auf seiner Suche nach neuen Exemplaren das große Nachschlagewerk „Welcher Kronkorken ist das?“ mit sich herumschleppt. Shaun Tan, der fünfunddreißigjährige australische Bilderbuchzeichner, hat seinen Erzähler äußerlich ein bisschen als Abbild seiner selbst gestaltet (innerlich wohl auch). Das macht er gerne, wie er dieser Zeitung erzählt hat, weil Tan es für Kunst wichtig findet, lebende Vorbilder zu haben.

          Das Bundesamt für Krimskrams befasst sich mit dem Störfall

          Deshalb ist er auch sein eigenes Modell gewesen für die Hauptfigur in „Ein neues Land“, jenes wortlose Bilderbuch, das ihn vor zwei Jahren weltweit berühmt gemacht hat, mit dem er dann 2008 in Angoulême den wichtigsten europäischen Comicpreis gewonnen hat und schließlich in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch nominiert war. Den Shaun Tan dann auch gewonnen hat. Allerdings mit einem anderen Buch, mit „Nachrichten aus den Vorstädten des Universums“, einer eher klassischen Kurzgeschichtensammlung von bisweilen geradezu surrealistischer Stimmung, deren Illustrationen die ganze stilistische Breite des erstaunlichen australischen Künstlers vorführen, der sich selbst vor allem als Landschaftsmaler sieht.

          Nun kommt in Deutschland binnen eines Jahres schon das dritte Buch von Shaun Tan heraus. Hierzulande wurde er zwar erst spät entdeckt, wird dafür aber nun umso konsequenter geliebt - gerade läuft im Troisdorfer Bilderbuchmuseum auch eine Ausstellung von Tans Bildern, zu der es einen schönen Katalog gibt. Und jetzt also „Die Fundsache“, ein schon älteres Buch, das in Australien vor neun Jahren erschienen ist. Dort heißt es eben „The Lost Thing“, und für „lost“ in seiner doppelten Bedeutung von „verloren“ und „einsam“ gibt es im Deutschen keine ähnlich gängige Bezeichnung - außer vielleicht, wie bereits versucht, „das arme Ding“. Aber „Die Fundsache“ ist auch nicht schlecht, weil dieser deutsche Titel das bürokratische Element betont, über das sich Shaun Tans Geschichte nebenbei lustig macht. In der Stadt, in der sich das Geschehen abspielt, ist alles wohlgeordnet und effektiv, keine einzige Pflanze stört das betonverbrämte Leben, und mitten drin wirkt das lebenspralle Fremdobjekt als Störfall, für den sich ein Bundesamt für Krimskrams als zuständig erweist.

          Geheime Wegweiser ins Phantasiereich hinter den grauen Mauern

          Tan hat eine Vielzahl solch abstruser Ämter und Institutionen erfunden, die alle mit ihren Siegeln auf den detailreichen Seiten seines Buchs zu finden sind. Das Bundesamt für Krimskrams ist darüber hinaus in einem gigantischen abweisenden Betonbau untergebracht. Wie Tan überhaupt phantastische Szenerien malt. Doch damit nicht genug: Seine Illustrationen zu „Die Fundsache“ sind auf Blätter gemalt, die der Künstler durch die Montage von Ausrissen aus den Fachbüchern seines Vaters, eines aus Malaysia nach Australien eingewanderten Ingenieurs, eigens gestaltet hat. „Er brauchte sie nicht mehr“, rechtfertigt Shaun Tan diese Plünderung der väterlichen Bibliothek, aber ein bisschen geschockt sei der alte Herr dann doch gewesen.

          Die Montage, technisch wie kunsthistorisch, ist das vorrangige künstlerische Prinzip von Shaun Tan, und deshalb hat er auch die Ausstattung der deutschen Übersetzung selbst übernommen. „Die Fundsache“ ist aber auch sonst eine Fundgrube für Tans Liebe zum Zitat: Da gibt es direkte Bildübernahmen von den australischen Malern Jeffrey Smart und John Brack, Hopper-Paraphrasen und eine Hieronymus-Bosch-Hommage, die plötzlich eine utopische Welt in die Geschichte einführt, für die man das ganze Buch aber hochkant betrachten muss. Dort jedenfalls, in der organisch geformten Welt, die durch eine kleine Wandkritzelei explizit als „Utopia“ ausgewiesen ist, wird die Fundsache ihr neues Heim beziehen.

          Den Weg dorthin finden sie und ihr Finder übrigens ganz ohne amtlichen Beistand - mit Hilfe von kleinen gebogenen Hinweispfeilen, die, wenn man aufmerksam sucht, auf jedem Stadtbild des Buchs zu finden sind. Sie stellen geheime Wegweiser in das Phantasiereich hinter den grauen Mauern dar. Shaun Tans Bücher haben in der häufig tristen Bilderbuchwelt dieselbe Funktion. Erfreulicherweise sind sie nur viel leichter zu entdecken.

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