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„Schwein sein“ von Julia Friese und Christian Duda : Dem Menschen fehlt Platz, dem Tier Hygiene

  • -Aktualisiert am

Bild: Beltz und Gelberg

Sparsam elegant: Die Zeichnerin Julia Friese und der Autor Christian Duda haben uns einige große Bilderbücher beschert. Das neueste erzählt von der Identitätssuche eines Schweins.

          Als die kleine Coco ein dickes rosa Tier mit Steckdosennase auf ein weißes Blatt Papier kritzelt und beteuert, sie wünsche sich von ihren Eltern „ganz dringend“ ein Schwein, reagieren diese zwar leicht verwundert, aber wohlwollend. Also wird zu Beginn von Christian Dudas und Julia Frieses „Schwein sein“ ein Ferkel vom Bauern geholt, Lotte getauft und von den Nachbarn erst einmal ausgiebig süß gefunden. Von nun an frisst das Schweinchen Menschenmahlzeiten von Menschentellern, trägt Perlenkette und trifft sich mit Coco und deren Stofftieren zum Tee. Doch wenn Tiere sich für Menschen halten, das musste schon Kafkas Affe Rotpeter am eigenen Leib erfahren, gibt es nur Probleme. Auch Duda und Friese charakterisieren die Glorifizierung des Menschseins als verstörenden Prozess. Der Frage nach dem guten Leben der Tiere und der Menschen nähern sie sich mit Aberwitz - und aus der Amoralität der Schweineperspektive.

          Noch so oft mag der Erzähler herunterbeten, das Leben mit Schweinen sei „wirklich einfach“, Lottes Schweinsein bleibt der Familie fremd. In der Tat, dies verdeutlichen Duda und Friese in Text und Bild, eignen sich Tiere hervorragend als Metaphern (Cocos Eltern sind „mucksmäuschenstill“, das Kinderzimmer ist ein Schweinestall). Doch Metaphern stinken nicht, Schweine schon, weshalb man sie, glauben wir Coco und ihren Eltern, in die Badewanne steckt und ermahnt wie Kinder: „Stell dich nicht so an“, schimpft Cocos Vater. Coco wiederum bietet Lotte ihre Zahnbürste an, erklärt ihr den Unterschied zwischen Kaugummi und Bonbons und glaubt, sie beschere dem Ferkel mit „Wurst in Dosen, Wurst ohne Dosen, Dosen ohne Wurst“ eine besondere Leckerei.

          Ein Plädoyer für unbändiges Schweinsein

          Durch die Erzählperspektive, die sowohl Zugang zu Menschen- als auch zu Schweinegedanken bietet, besteht nie ein Zweifel, dass die Familie es mit Lotte nicht böse meint. Leid entsteht hier nicht durch Speziezismus, sondern durch Misskommunikation zwischen Mensch und Tier. „Schweine mögen’s sauber, Eltern auch!“, erklärt der Erzähler, „allerdings verstehen Schweine und Eltern unter Sauberkeit nicht dasselbe.“ Dennoch ist Coco, wenn auch keine herzlose Teufelsbrut, ein verwöhntes Einzelkind mit besorgniserregend kurzer Aufmerksamkeitsspanne. Kaum haben die Eltern beschlossen, die nun der Badewanne entwachsene Lotte auf einen Bauernhof zu geben, hofft das Mädchen im Gegenzug auf einen eigenen Fernseher - ein denkbar unsympathischer Wesenszug in Dudas und Frieses Welt. Drastischer könnte sich Coco kaum unterscheiden vom kindlichen Protagonisten in „Schnipselgestrüpp“, der letzten Kollaboration zwischen Autor und Illustratorin. Des Lesers ungeteilte Aufmerksamkeit gilt dort dem Kind, das, als fantasievolles Lebewesen, dem Fernsehsumpf der elterlichen Wohnung entkommt, indem es sein Zimmer in Gedanken zum Urwald, sich selbst zur Gottesanbeterin werden lässt.

          Nicht nur in Anbetracht des „Schnipselgestrüpp“-Jungen wirkt Cocos hyperaktive Langeweile - noch bevor Lotte aus dem Haus ist, wünscht sie sich „ganz dringend“ einen Elefanten - eher blass. Ausdrücklich präsentiert „Schwein sein“ die Erlebniswelt des Paarhufers als erzählenswerter und bildstärker als die der Menschenfamilie. Gar so deutlich überwältigen Lottes sattes, oft die Grenzen schwarzer Konturen missachtendes Hellrosa, die glotzenden Kulleraugen und der gewaltige Schweinehintern Dudas lakonische Prosa, dass dies fast schon als Kritik des Logozentrismus an sich verstanden werden darf. Zweifelsohne jedoch zeichnet Friese ein Plädoyer für unbändiges Schweinsein.

          Einträchtiges Schweigen

          Ausgerechnet Lotte fällt das schwer. Wie einst Rotpeter vor lauter Pfeiferauchen, Bankettbesuchen und Weingenuss lernte, die Fähigkeiten seiner Affenarme zu unterschätzen, setzt sich Lotte, auf dem Bauernhof angekommen, nur ungern auf den Boden, stört sich am Gebell der Hunde, am Allesfressen der Hühner und besonders am Gestank der „anderen“ Tiere. Das Schwein im Zwiespalt zwischen den Arten. Einerseits ist Lotte die Natur „unheimlich“, andererseits „unheimlich vertraut“. Sie möchte sich den Kühen und Schafen höflich vorstellen, andererseits kann Lotte „ja nicht reden“.

          In seiner sparsamen Eleganz sieht der Text glücklicherweise davon ab, Lottes Dilemma mit Animal-Studies-Werkzeug zu bearbeiten, dem Schwein die Schicksale sämtlicher von Menschen missverstandener und misshandelter Tiere aufzubürden. Statt dessen konstruiert er es als tragikomische Unzulänglichkeit, die es zu überwinden gilt. Die Menschen haben keinen Platz, die Tiere keinen Sinn für Hygiene? Dann macht sich Lotte eben auf die Suche nach einem Ort mit beidem. Nach langer Wanderung trifft sie auf eine runde, beinahe lotteförmige Dame mit weißem Haar und ohne Namen, die, vielleicht zu alt, vielleicht zu glücklich, um zu sprechen, allein im Wald lebt. Nebeneinander sitzen Schwein und Mensch, in der letzten Zeichnung, auf einer Bank. Und schweigen.

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