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Sarah Jägers neuer Jugendroman : Rettender Busfahrer

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Für Jugendliche auf dem Land sind Bus und Busfahrer oft die einzige Verbindung zur Außenwelt. Bild: picture alliance / Uwe Zucchi

Wer hat hier ein Aggressionsproblem? Sarah Jäger schafft es in ihrem neuen Roman „Schnabeltier Deluxe“, einen in der Jugendliteratur eigentlich durchgekauten Plot mit neuem Leben zu füllen.

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          Zerstörung ist ihr Ventil. Die dreizehnjährige Kim schmeißt die Siebträgermaschine der Lehrerin aus dem Fenster, weil sie eine 6 auf den Physiktest bekommen hat. Sie hebelt die Türen der Wohnung aus, in der sie mit ihrer Mutter lebt, weil die ihr gesagt hat, ihr stünden nicht viele offen. Sie hat vor einiger Zeit „Mach es kaputt, bevor es dich kaputt macht“ mit rotem Edding auf den Laminatboden geschmiert, die Mutter hat einen Teppich draufgelegt. Wenn jemand ungerecht ist oder arrogant oder sie mit den eigenen Fehlern konfrontiert, heißt das für Kim, dass etwas kaputtgehen muss.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Sarah Jäger erzählt in ihrem dritten Buch „Schnabeltier Deluxe“ die Geschichte eines Mädchens mit Aggressionsproblem, so formuliert es das Schulamt. Kims Ich-Erzählung setzt kurz vor dem Moment an, in dem es der Mutter zu viel wird, erst recht, nachdem Kim sie beim Aushebeln der Türen verletzt. Die Alleinerziehende schickt Kim in ein namenloses Dorf aufs Land, in dem ihr früherer Freund René lebt. Kim wohnt mit ihm und dessen Tante. Sie schreibt sich „Du vermasselst das nicht“ auf ihren Arm und arbeitet an der Dorf-Tankstelle, um ihre Kaffeemaschinen-Schulden bei der Mutter abzubezahlen.

          In der Jugendliteratur ist dieser Plot eigentlich schon durchgekaut: Problematisches Kind kommt an einen neuen, abgeschiedenen Ort, wo alles besser ist, allein schon, weil zumindest die Stadt nicht mehr um die eigentlichen Probleme tost. Jäger aber schafft es mit ihrer nüchternen Sprache, ihn mit neuem Inhalt zu füllen, mit Charakteren, die ihre Scham und ihre Lächerlichkeit so ehrlich ausleben, dass man sie ernst nehmen muss.

          Sarah Jäger: „Schnabeltier Deluxe“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 208 S., geb., 20,– €. Ab 14 J.
          Sarah Jäger: „Schnabeltier Deluxe“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 208 S., geb., 20,– €. Ab 14 J. : Bild: Verlag

          Da ist der Busfahrer – im Dorf gibt es nur einen –, der Kims Provokationen mit Rationalität wegwischt. „Also ich bin deine einzige Verbindung zur Außenwelt“, sagt er. „Verscherz es dir nie mit dem Busfahrer, wenn du hier wohnst“. Da ist der Typ vom Friseursalon, der sie ständig in der Tankstelle besucht, um heimlich Süßigkeiten zu essen, eigentlich macht er Diät. Irgendwann merken beide, dass sie nicht nur zweckmäßig stundenlang gemeinsam an der Verkaufstheke rumhängen, sondern sich auch ganz gerne mögen. „Entfernter Bekannter“, das könne er für sie sein, bietet sie ihm an.

          Die Pubertät ist die Zeit, in der man sich allein wähnt, betäubt von einer abstrakten Menge an Gedanken; alles drum herum kann nur zu viel sein: „Die Menschen sagen und fühlen immer so viel mehr als ich“, denkt Kim. Im Klaren über ihre Einstellung zum Leben ist sie dennoch. Janne etwa, der Typ vom Friseursalon, hat Versteckspielen früher gehasst: „Wenn man da irgendwo hinter einem Stromkasten hockt und so von wegen dann hört man Schritte? Das sollte man sich nicht freiwillig antun.“ Kim sieht es so: „Wenn man sich nicht versteckt, wenn man sich stattdessen auf den Stromkasten setzt, dann kann man nicht wirklich erwischt werden.“ An anderer Stelle sagt sie zu ihm in Schulamtsmanier: „Es liegt ja auf der Hand, dass du ein Aggressionsproblem hast.“ Er antwortet, „ich bin nie aggressiv“. Kim sagt: „Genau das ist dein Problem.“

          Es sind diese kuratiert-ehrlichen Dialoge, die das Buch so mühelos machen. Genau wie die immer richtig platzierten Nebensätze, etwa wenn Janne den „Zuckerstreuer in die Höhe“ hebt, „als sei er ein Champagnerglas“, oder wenn Kim eine Fehleinschätzung klar wird: „Ach so“, murmelt sie, und ist „erstaunt, dass ich überall Zorn sehe, wo gar keiner ist“.

          Die Kraft dessen, was Jugendliche sind und was sie bewegt, vor allem natürlich die Liebe, kommt mit wenig Kitsch aus. Aber natürlich geht auch etwas schief in „Schnabeltier Deluxe“, natürlich wird mit Putzlappen in der Hand nachts getanzt und sich mit dem Fahrrad ins Gras geschmissen, stehen Freundschaft auf dem Spiel, und es wird fürchterlich kompliziert. Aber es wäre vermessen zu behaupten, die Autorin verliere sich darin. Die Charaktere bleiben sich treu. Und werden mit jeder Seite besser.

          Sarah Jäger: „Schnabeltier Deluxe“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 208 S., geb., 20,– €. Ab 14 J.

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