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Sarah Crossan: „Wer ist Edward Moon?“ Aus dem Englischen von Cordula Setsman. Mixtvision, München 2019. 357 S., geb., 17,– €. Ab 12 J. Bild: Mixtvision

Sarah Crossan Jugendbuch : Ein Leben klauen

Der Titel führt in die Irre, Sarah Crossan nicht: „Wer ist Edward Moon?“ ist ein Prosagedicht über Liebe, Jugend und die Todesstrafe.

          3 Min.

          „Alle reden immerzu davon, / wie sehr sie den Geruch von Krankenhäusern hassen, / aber ist je einer von ihnen im Knast gewesen?“ Joe stellt eine rhetorische Frage. Es gibt deutlich weniger Menschen, die wissen, wie es in einem Gefängnis riecht als solche, die diese Erfahrung einmal gemacht haben. Dass das Gefängnis ein Ort ist, der auch viel damit zu tun hat, wie wir Gesellschaft, Schuld und Sühne verstehen, hat Monika Osberghaus und Thomas Engelhardt zu ihrem Kinder-Sachbuch „Im Gefängnis“ angeregt, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Joe Moon aber weiß am Ende wirklich, wie es da ist, wo der Tod naht. Stickig, lichtlos, aber seltsamerweise bis zuletzt voll von einer schalen Art von Hoffnung. Schließlich könnte doch sogar Minuten vor der tödlichen Dosis der Gouverneur oder sogar der Präsident eine Begnadigung aussprechen. Auch Joe hat vage Hoffnung. Sein Bruder Ed, den er zehn Jahre lang nicht gesehen hat, sitzt im Todestrakt eines Gefängnisses in Texas, bis heute dem amerikanischen Hinrichtungsstaat Nummer eins.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das allein schon ist reichlich viel für einen Jungen, der erst siebzehn ist, und es ist auch viel für die Leser. Sarah Crossan, Jahrgang 1981, die sich vor den ganz harten Themen noch nie gescheut hat, geht mit „Wer ist Edward Moon?“ diesmal dahin, wo außer der Frage nach Leben und Tod auch noch die Fragen nach dem Sinn, nach der Gerechtigkeit und nach der Menschlichkeit einer ganzen Gesellschaft gestellt werden.

          Das hat, nach ihrem eigenen Bekunden im Nachwort, viel damit zu tun, dass sie als Jugendliche mit fünfzehn Jahren im Religionsunterricht die BBC-Dokumentation „Fourteen Days in May“ gesehen hat, die den afroamerikanischen Todeskandidaten Edward Earl Johnson die letzten vierzehn Tage seines Lebens begleitete, ehe der kurz vor seinem 27. Geburtstag am 20. Mai 1987 als Polizistenmörder und Vergewaltiger Verurteilte, der bis zuletzt seine Unschuld beteuerte, in einer Gaskammer hingerichtet wurde. Der Film und die Organisationen, die durch ihn Aufschwung bekamen, haben immer auch darauf hingewiesen, dass nicht nur Fehlurteile, sondern auch rassistische Ressentiments zu den hohen Zahlen von Todesurteilen führen.

          Auch ganz große Themen sind hier geborgen

          Mit Joe, Ed und Angela haben wir es mit dem zu tun, was manche in Amerika „white trash“ nennen. Joe ist der Jüngste von einer Reihe von Geschwistern aus unterschiedlichen Beziehungen der alkohol- und drogensüchtigen Mutter, die sich darauf verlässt, dass die Kinder sich umeinander kümmern werden. Derjenige, der sich, auf eine nonchalante, rebellische, warmherzige Art um das jüngste, vernachlässigte bettnässende Kind kümmert, ist Ed. Zehn Jahre später, als er den Hinrichtungstermin bekommt, zählt nun er darauf, dass der Kleine ihm zuhört.

          Crossan, Spezialistin für versagende Erwachsene im Allgemeinenen und versagende Eltern, für prekäre Lagen sowieso, hat sich schon seit „Die Sprache des Wassers“ (2012) eine eigene Form gesucht, um großen Gefühlen und schwer Erklärbarem buchstäblich Raum zu verschaffen. Sie schreibt Versromane ohne Reim, die mit ihrer Kürze und ihren Leerstellen, der graphischen Nutzung des Weißraums auf den Buchseiten buchstäblich alles in wenigen Absätzen sagen können – weil sie dem Leser die Lücken überlässt. So überlebt diese lyrische Form auch scheinen könnte, sie trifft damit die gebrochenen, aber anspielungsreichen Formen der Instagram- und Chat-Generation gut. „Wer ist Edward Moon?“ demonstriert, dass auch die ganz großen Themen in dieser luftigen und freien Darstellungsform geborgen sein können. Zumal der Roman so reich an Haupt- und Nebenpersonal, an Haupt- und Nebenfragen zu Leben, Liebe und Verantwortung ist, die noch lange nachwirken.

          Schon vorsorglich aus dem Drucker gelassen

          „Moonrise“ heißt das Buch im Original, und das trifft die Sache eher. Denn es geht nicht nur um den Untergang des großen Bruders, sondern auch darum, wie Joe, selbst in seiner übergroßen Trauer, wachsen und erkennen kann. Denn daran, wer und vor allem was wohl Edward Moon sei, lässt Crossan, nachdem ihr Ich-Erzähler und mit ihm der Leser eine Weile geschwankt hatten, keinen Zweifel mehr: Edward, das ist der große Bruder, an dem manches unerklärlich sein oder gewesen sein mag. Als er aber Joe, kurz bevor die Zeit des Wartens um ist, nach langen Konflikten und Zögern einen Brief schreibt, in dem er seine Unschuld beteuert und zum ersten Mal berichtet, wie sich die Begegnung mit dem getöteten Polizisten zugetragen hat, zweifelt Joe nicht mehr an der Unschuld des Bruders. Und auch der Leser kann es kaum mehr. Erst recht nicht, wenn, aus dem Mund des Benefiz-Verteidigers, dargelegt wird, dass der Gouverneur, der als Einziger noch kurz vor der Hinrichtung begnadigen könnte, den Ablehnungsbescheid schon vorsorglich aus dem Drucker ließ, noch bevor der Anwalt überhaupt vorsprechen konnte.

          Edward Moon also hat keine Chance, und Crossan gelingt es, das gleichzeitige Wissen um diese Chancenlosigkeit und das Hoffen bis zuletzt in eine Form zu bringen. Cordula Setsman, die schon die vorigen Bücher von Crossan ins Deutsche übersetzt hat, muss diesmal noch eine amerikanische Färbung in das Roadmovie legen, ohne klischeehaft zu werden, und auch das gelingt. „Wir sind das Gute und das Schlechte und das Dumme“, sagt Nell, die neue Liebe, die Joe gefunden hat. Man glaubt es ihr.

          Sarah Crossan: „Wer ist Edward Moon?“ Aus dem Englischen von Cordula Setsman. Mixtvision, München 2019. 357 S., geb., 17,– €. Ab 12 J.

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