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Salah Naouras Kinderbuch „Herr Rot in Not“ : Die Sache mit der Nächstenliebe

Bild: Dressler

Einer muss es ja tun: Denni kümmert sich liebevoll um den obdachlosen Herrn Rot, der nicht mehr weiß, wer er ist, um seine Mutter, die am liebsten alles im Griff hat, und um das eigentlich abgesagte Weihnachtsfest. Salah Naoura schreibt mit.

          Weihnachten soll ausfallen? Unmöglich, findet Denni. Und auch sein alter Religionslehrer, ein Fachmann also, kann über die Idee nur lachen. Geburtstage kann man doch nicht einfach ausfallen lassen, und den vom Heiland schon gar nicht. Schließlich hat der uns Menschen doch gezeigt, was Nächstenliebe ist.

          In Salah Naouras Kinderbuch „Herr Rot in Not“ ist es Dennis Mutter, die Weihnachten am liebsten ausfallen lassen wollte. Wenige Wochen vor dem Fest hat sein Vater nach einem Streit den Koffer gepackt und ist gegangen, und der schnell herbeigelächelte Gero, ein Computerfachmann, den sie von der Arbeit kennt, entpuppt sich fast eben so schnell als Lusche.

          Dabei hat Dennis Mutter doch sonst eigentlich alles im Griff. Sie tut zumindest immer so. Als Denni ihr zum Beispiel die Sache mit der Nächstenliebe erklärt, wirft sie beim gemeinsamen Stadtgang prompt jedem Bettler etwas in den Hut, hilft drei alten Damen über die Straße und spendet bei „Brot für die Welt“, bevor sie Fleisch für Rouladen kauft.

          Nicht nur etwas wirr und ziemlich wunderlich

          Aber auch Denni hat das mit der Nächstenliebe verstanden. Er findet tags darauf im verschneiten Park einen verwirrten Rauschebart in Unterwäsche, steckt ihn fürs erste in den roten Bademantel, den er gerade als Weihnachtsgeschenk für Gero im Laden abgeholt hat, und nimmt den armen Alten erst einmal mit nach Hause. Aber wie erklärt man das einer Mutter, die immer alles im Griff hat? Und wie bringt man den seltsamen Gast, dem Denni pragmatisch den Namen Herr Rot gegeben hat, dazu, sich zu erinnern, wie er wirklich heißt und wo er wohnt? Dennis Lieblingsweltraumheld würde in einer solchen Situation kurz die Stirn runzeln und sich dann aufmachen, um die Welt zu retten. Und Denni hat wohl nicht nur die Frisur, sondern auch die Entschlossenheit von Commander Clark.

          Also hält er den Obdachlosen fürs Erste im Kinderzimmer versteckt, vertröstet die Mutter, die Tag für Tag fragt, wo Geros Geschenk denn bleibt, zeigt Herrn Rot sein Berufequartett oder zieht mit ihm durch die Stadt: Vielleicht erkennt der Alte ja irgendwo irgendetwas aus seinem bisherigen Leben wieder. Es stellt sich heraus, dass Herr Rot nicht nur etwas wirr und ziemlich wunderlich ist, sondern abenteuerlustig, ziemlich stark und äußerst hilfsbereit, dass er sich mit Schlitten und Säcken auskennt und sogar Wunder wirken kann.

          Da heulte Mama noch viel lauter

          Die Illustrationen von Sabine Büchner zeigen schnell, was dem Leser bald schwant und Denni zum Glück erst gegen Ende des Buchs klar wird: mit wem er es hier eigentlich zu tun hat. Sie sind durchaus vergnüglich anzusehen, und doch unterbieten sie die Feinheiten der Geschichte Salah Naouras, zu dessen Stärken es zählt, die Hilflosigkeit Erwachsener so unerbittlich wie humorvoll zu schildern, ohne dabei die kindliche Perspektive seiner jungen Ich-Erzähler zu verlassen. Jüngst ist dem Autor und Übersetzer der Peter-Härtling-Preis 2011 zugesprochen worden.

          Nach einem neuerlichen Ausfall des Ersatzmanns sitzt die Mutter weinend auf dem Sofa: „Ich legte ihr tröstend die Hand auf den Arm und hatte irgendwie das Gefühl, etwas Gutes über Gero sagen zu müssen, damit sie sich wieder beruhigte“, lässt Naoura Denni erzählen: „Aber was?“ Hin- und hergerissen zwischen Tröstvorsatz und Aufrichtigkeit, ist es schließlich nicht viel, was ihm einfällt: „,Gero ist bestimmt ganz toll. Er versteht total viel von . . . na ja, Computern.' Da heulte Mama noch viel lauter.“

          Jetzt hilft nur noch der Torpedoschlitten

          Arme Mama. Sie ist überhaupt die tragische Figur in der Geschichte. Immer wieder stolpert sie über ihre Entschlossenheit, Enttäuschung oder Empörung, bis sich ihre Schultern schließlich, drei Seiten vor Schluss, entspannen und nach unten sinken, sie sich die Augen wischt und endlich wieder lacht.

          Herr Rot kommt trotz seiner desolaten Erscheinung, Verwirrtheit und Kindlichkeit besser zurecht und besser weg. Er findet dank der Hilfe von Denni und seinem besten Freund zu alter Stärke zurück und leiht sich kurzerhand und kurz vor dem Fest den Torpedoschlitten aus der Achterbahn vom Weihnachtsmarkt. Nur kurz nachdem er, von Dennis Mutter entdeckt, erst einmal von zwei Pflegern abtransportiert und in ein tristes Altersheim am anderen Ende der Stadt gebracht worden war.

          Trotz alledem: eine schwungvolle, gutgelaunte Vorweihnachtsgeschichte

          Noch so ein feiner Strang, den Naoura behutsam durch seine Geschichte gezogen hat: Das Bild des hilflosen Alten, der eigentlich gleich vom Notdienst eingesammelt, versorgt und aus dem Verkehr gezogen werden müsste, spiegelt sich in der leisen Skepsis des Jungen, die doch von der Attraktivität seiner Zufallsbekanntschaft übertönt wird, und findet schließlich in der Bestürzung der Mutter seine Bestätigung, die nach ein paar Tagen erst den befremdlichen Gast in ihrer Wohnung entdeckt, Denni rasch zurechtweist und dann zum Telefon greift.

          Dass allerdings „Herr Rot in Not“ trotz alledem eine schwungvolle, gutgelaunte Vorweihnachtsgeschichte ist, liegt nicht am doppelt glücklichen Ausgang der Geschichte allein. Sondern auch an der Leichtigkeit, mit der Salah Naoura die Schwierigkeiten seiner Figuren touchiert, und an dem sanften Gewicht, das der Autor auch den leichten Momenten seines Buches zu verleihen vermag.

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