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Salah Naouras Kinderbuch „Dilip und der Urknall“ : Auch Papa macht Gedöns

Bild: Dressler

Ein Vater, der seinen Sohn und seinen Adoptivsohn unter Leistungsdruck setzt und schließlich selbst scheitert: Salah Naouras Kinderbuch „Dilip und der Urknall“ wirkt wie zur Gitarre gesungen.

          Das neue Haus in der Waldblicksiedlung mit den überkandidelten Nachbarn, der dicke Mercedes mit den butterweichen Bremsen, das teuerste Hotel von ganz Kopenhagen für die Osterferien: Leopold Graf verdient im neuen Job bei der neuen Bank doppelt so viel wie zuvor. Jetzt will er es allen zeigen. Seinem neunjährigen Sohn Anton, den Salah Naoura in seinem Kinderbuch „Dilip und der Urknall“ erzählen lässt, ferner dem frisch adoptierten indischen Waisenjungen gleichen Alters, seiner Frau, die den Spaß am Wohlstand allerdings nicht lange teilt, und schließlich seinem Vater, der es sich auch ohne viel Geld nach Kräften gutgehen lässt und Schrottskulpturen in den Garten stellt. Die Familie wirkt ein wenig wie aus dem Skizzenbuch der wahren Werte. Und so verhält sie sich auch.

          Als der Vater erfährt, dass Anton als Wackelkandidat für den Wechsel aufs Gymnasium gilt, muss der Junge bis zum Wochenende alle Bäume und Hauptstädte auswendig lernen und Mathe pauken. Doch Anton befasst sich am liebsten mit der „Berichtigung“, der Neufassung klassischer Märchen. Und er liefert den Text für ein Protestlied, das die Schüler vor dem Zimmer des Rektors singen, während ihre Lehrerin dazu Gitarre spielt. Als Fußballer allerdings zeigt er keinen großen Einsatz. Also setzt der Vater in seinem sportlichen Ehrgeiz auf das Adoptivkind. Doch auch Dilip ist kein großer Sportler, und auch er unterläuft das väterliche Leistungsprinzip.

          Vom Zufall verraten

          Er überspringt es vielmehr, teilt sechsstellige Zahlen im Kopf, erläutert mal nebenbei die Raleigh-Strahlung, die den Himmel blau erscheinen lässt, malt sein Kinderzimmer mit dem Sternenhimmel aus und macht sich in seinem Notizbuch Gedanken über die Formel, nach der Photonen und Elektronen als Teilchen beschrieben werden können. Dilip ist hochbegabt, aber weder hochnäsig noch ehrgeizig. Als er auf eine entsprechende Schule kommt, entspannt sich das Verhältnis zwischen den ungleichen Brüdern wieder.

          Was der Vater niemandem zeigen will, fliegt schließlich auf: Er hat im neuen Job die Probezeit nicht überstanden, „wegen dieser verdammten Zinsertragsbilanz“, wie er schließlich gesteht. „Das ist Mathe“, wie Dilip weiß. Der Vater kann es also selbst nicht sonderlich gut. Über einen Monat lang hat er im Kino und im Einkaufszentrum die Zeit totgeschlagen. Jetzt hat ihn der Zufall verraten, und Leopold Graf hat Tränen in den Augen. Er macht auch einmal Gedöns. So hat er es verächtlich bei Anton genannt, wenn dem mal etwas zu viel geworden ist.

          Der etwas ungepflegte, aber liebevolle Großvater; die Mutter, die ihrem geknickten Mann gerührt die Hand zum Neuanfang reicht; der Müllmann, bei dem die Familie schließlich unterkommt, als sie das neue Haus wieder verkaufen muss: was Salah Naoura in seiner Geschichte aufbietet, wirkt leider über weite Strecken selbst wie zur Gitarre gesungen.

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