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Horst Klein, Monika Osberghaus: „Alle behindert!“ Klett Kinderbuch, Leipzig 2019. 40 S., geb., 14,– €. Ab 5 J. Bild: Klett Kinderbuch

Sachbuch für Kinder : Wer ist hier behindert?

Wie begegnet man einander? Was kann man miteinander spielen? Woher kommen die Besonderheiten, und wie entwickeln sie sich? Das Kindersachbuch „Alle behindert!“ von Horst Klein und Monika Osberghaus klärt auf und regt ab.

          2 Min.

          „Alles Familie!“ oder „Alles lecker!“heißen populäre Sachbücher aus dem Klett Kinderbuch Verlag, denen das Kunststück gelingt, jungen Neugierigen auf unterhaltsame Weise gleichzeitig vorzustellen, welche Varianz es in puncto Lebensformen und Essen so gibt auf der Welt, und sie selbst in diesem Durcheinander, Neben- und Miteinander vorkommen zu lassen. Kühn und klar sind diese Bücher, voller Bildwitz und leiser Frechheit, auf die manche erwachsenen Leser vielleicht empfindlicher reagieren als das Zielpublikum der Bücher - Kinder von fünf Jahren an. Die konventionelle Familie mit Mutter, Vater und Kind oder Kindern Seite an Seite, gleichwertig also neben Patchwork- und Regenbogenfamilien? Für manche Eltern ist das starker Tobak - und für viele Kinder, die allein bei Vater oder Mutter aufwachsen, im Wechsel bei ihnen oder in einer der vielen bunten Konstellationen, die es so gibt, eine große Erleichterung, eine Wohltat.

          Jetzt hat sich der Verlag auf ein Terrain gewagt, auf dem Aufregung und Entspannung noch näher beieinanderliegen: In „Alle behindert!“ stellen der Illustrator Horst Klein und Monika Osberghaus, Verlegerin bei Klett Kinderbuch, in Ausfüllformularen, wie man sie von Freundschaftsalben kennt, vierundzwanzig Kinder mit ihren Besonderheiten und Bedürfnissen vor: von Anna, einem Mädchen mit Down-Syndrom, über den Spastiker Max und den Autisten Robert bis zur blinden Ronja. Mittendrin: Julien, der Angeber, Leopoldine Victoria, das Helikopterkind, und die schüchterne Martha. Und ganz am Schluss: „Du“ - eine als „Supertrumpf“ ausgewiesene Seite, in der kindliche Leser Gelegenheit haben, sich selbst in ihrer ganz eigenen Art von Behinderung zu beschreiben.

          Das wünscht sich jeder bei der Begegnung

          Um allen, die allein diese Vorstellung schon auf die Palme gebracht hat, eine Hand zum Herunterkommen zu reichen: Hier werden Kinder nicht zur beschämenden Selbststigmatisierung aufgefordert. Schließlich dient auch die Beschreibung der allgemein als Behinderung anerkannten Besonderheiten auf den Seiten zuvor ebenso wenig der Ausgrenzung und Abwertung wie die der ebenfalls gezeigten Mitläufer, Tussis, Hochbegabten oder Essensnörgler. Alle werden sie über das vorgestellt, was sie mögen und weniger mögen, über den Ursprung und die Perspektive ihrer Behinderung, wie man ihnen am besten begegnet, was man mit ihnen spielen kann oder besser lassen sollte.

          Wer durch die in „Alle behindert!“ versammelten Steckbriefe blättert, findet überall Anknüpfungspunkte, Gemeinsamkeiten - und in aller Unaufdringlichkeit eine ganze Reihe hilfreicher Handreichungen für den Kontakt und Umgang. Dass mit Gehörlosen ebenso schlecht „Stille Post“ spielen ist wie Basketball mit Kleinwüchsigen: geschenkt. Und trotzdem gut plaziert, denn die Botschaft dahinter wirkt: Mit ein bisschen Nachdenken kommt man selbst ziemlich weit bei der Frage, was man miteinander anfangen kann. Dazu kommen hilfreiche Tipps: Rollstuhlfahrer mögen es nicht, wenn man sich von hinten nähert und sie einfach ungefragt bewegt; Leute mit Autismus-Spektrum-Störung haben es leichter, wenn man auf ihre Antwort wartet, nachdem man „hallo“ gesagt hat. Freundlichkeit und Geduld indes sind Haltungen, wie sie sich jeder Mensch bei der Begegnung wünscht.

          Der Blick für das Wesentliche, Verbindende

          Überhaupt: Dass eine Behinderung nicht allein Menschen zugeschrieben werden kann, „wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht“, sondern dass als entscheidender Punkt gilt, dass dadurch „ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist“, findet sich selbst im Sozialgesetzbuch. Und wer wollte bestreiten, dass auch Überbehütung oder Angebertum die kindergesellschaftliche Teilhabe durchaus beeinträchtigen können?

          „Alle behindert!“ legt es letztlich aber weder auf Kategorisierung noch auf Gleichmacherei an. Indem das Buch kindliche Neugier und Offenheit stärkt, diese zeitlebens wichtigen Eigenschaften im Umgang miteinander, macht es in einer von Ausgrenzungsreflexen wie Inklusionsbemühungen geprägten Welt den Blick frei für das Wesentliche, Verbindende: alles Kinder.

          Horst Klein, Monika Osberghaus: „Alle behindert!“ Klett Kinderbuch, Leipzig 2019. 40 S., geb., 14,– €. Ab 5 J.

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