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Kim Ryeo-Ryeong: „Eins zwei. Eins zwei drei.“ Aus dem Koreanischen von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer. Baobab Books, Basel 2020. 208 S., geb., 18,– €. Ab 14 J. Bild: Baobab Books

Jugendroman von Ryeo-Reong Kim : Schattenboxen gegen das System

  • -Aktualisiert am

Lieber als auf die Oberschule geht Wan-Duk zum Kickboxen. Ausgerechnet die gemobbten Streberin ernennt sich keck zu seiner Managerin. Ryeo-Reong Kims Roman „Eins zwei. Eins zwei drei“ erzählt von einer prekären Jugend in Korea.

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          Die koreanische Autorin Ryeo-Ryeong Kim übt mit oft unorthodoxen Lehrerfiguren eine spielerische Kritik der Institutionen und Autoritäten und der Auswüchse eines überhitzten Systems wie Mobbing, Drill und Fixierung auf Eliteuniversitäten. Ihr in Korea 2008 erschienener Bestseller, der nun auf Deutsch unter dem Titel „Eins zwei. Eins zwei drei“ erschienen ist, verbindet eine Coming-of-Age-Geschichte mit einem tragikomischen Prekariatsroman, wobei er konkurrierende Schulen und Lebensschulen – lieber als auf die Oberschule geht der Held Wan-Duk in eine Kickbox-Einrichtung – kurz schließt.

          Mit Wan-Duks schrulligem Klassenlehrer und Mentor Dung-Ju, der zu allem Überfluss in Seoul in einem Betonbau auf dem Dach eines Hauses nebenan wohnt, entwickelt sich Hassliebe und Freundschaft.

          Wan-Duks Patchworkfamilie ist ein Universum der Schausteller und Außenseiter – neben dem zwergwüchsigen Vater Jeong-Bok gibt es den sportlichen, doch geistig schwachen „Onkel“ Min-Gu, zusammen verdingen sie sich als Animateure und Clowns in einem Tanzlokal; dagegen hat die durch eine vermittelte Heirat nach Korea gekommene vietnamesische Mutter die Familie früh enttäuscht verlassen.

          Ein auch im Kleinen spektakuläres Leben

          Als das Lokal schließen muss, verdingen sich Vater und Onkel als illegale Händler von Tand in der U-Bahn und als Marktverkäufer. Vielleicht aus Protest gegen das väterliche Tanzen lernt der wortkarge junge Rebell Wan-Duk Kickboxen. Jenseits des Paukens und teurer Nachhilfeschulen erfährt er, der Schlägereien nie aus dem Weg ging, im Studio Realien des Lebens und dass Verteidigung der bessere Angriff ist.

          Trotz Wan-Duks Desinteresse an Mädchen entspinnt sich eine Außenseiterromanze ausgerechnet mit der gemobbten Streberin (und imaginären Protagonistin eines von einem Klassenkameraden gezeichneten erotischen Comics) Yun-Ha, die wider Erwarten Leute aus dem Gangstermilieu cool findet und sich keck zu Wan-Duks Kickbox-Managerin ernennt.

          Die Relativierung der Institutionen und die Kritik an mangelnder Praxisorientierung zeigt sich neben der Schule auch in der ominösen „Kirche“ in Wan-Duks Viertel, in dem es von Sekten nur so wimmelt. Die Einrichtung entpuppt sich als vom Lehrer Dung-Ju initiierter Treff für ausländische Arbeiter. Und auch Wan-Duks siebzehn Jahre lang von der Familie abwesende Mutter, die in einem Restaurant in Seongnam ausgebeutet wird, findet hier Zuflucht. Mit der Darstellung der prekären, teils illegalen Situation meist südostasiatischer Arbeiter ohne Betriebsunfallversicherung und der Problematik der angeworbenen asiatischen Heiratsmigrantinnen führt Kim kritische Themen in das Jugendbuch ein.

          Dung-Ju, der ungehobelte Lehrer mit weiter Seele, initiiert eine familiäre Wiederannäherung in Trippelschritten, den Beginn einer „demilitarisierten Zone“ der Herzen und Familienmitglieder. Alle lernen, von alter Borniertheit Abstand zu nehmen: Die abtrünnige Mutter entschuldigt und erklärt sich, der Vater, der alles in die Erziehung seines Sohnes stecken wollte, akzeptiert, dass sein Sohn nicht Schriftsteller, sondern Kickboxer werden möchte. Dieser sublimiert Schlägereien in Kampfkunst, und die Streberin Yun-Ha will zwar weiterhin auf eine Elite-Uni, aber nicht mehr des Prestiges willen, sondern um Kriegsberichterstatterin zu werden. Als die Patchworkfamilie mit Hilfe Dung-Jus als Investor gar beschließt, eine Tanzschule zu eröffnen, findet die Solidargemeinschaft der Underdogs Auswege aus den Abwärtsspiralen und Teufelskreisen der Zuschreibungen und Vorurteile.

          In Kims wunderbarem Bildungsroman lernt Wan-Duk, sich zu wandeln vom sich vor der Welt und ihren Provokationen Versteckenden und bloßen Schattenboxer gegen das System zum Mitgestalter und „Fänger“ des Glücks – und mitunter wie im Versteckspiel „Ich kann dich nicht finden, zeig dich!“ zu rufen. Und zuletzt mit seinem auch im Kleinen spektakulären Leben Kompromisse zu schließen: „Die einzelnen Tage, die gewöhnlich, aber solide und ausgefüllt sind, werde ich zusammenfügen und irgendwann eine schöne Halskette des Lebens daraus fertigen.“

          Kim Ryeo-Ryeong: „Eins zwei. Eins zwei drei.“ Aus dem Koreanischen von Hyuk-Sook Kim und Manfred Selzer. Baobab Books, Basel 2020. 208 S., geb., 18,– €. Ab 14 J.

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