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Illustrierte Kindergedichte : Gereimt, gerühmt

Michael Hammerschmid, Rotraut Susanne Berner: „Schlaraffenbauch“. Gedichte. Edition Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2018. 32 S., br., 18,– Euro. Ab 4 J. Bild: Edition Büchergilde Gutenberg

Wenn die Herausgeberin der „Tollen Hefte“ selbst selbst zur Feder greift, muss es sich schon um eine besondere Textvorlage handeln: Rotraut Susanne Berner illustriert Kindergedichte von Michael Hammerschmid.

          3 Min.

          „Der Lyrik eine Gasse!“ So lautete Marcel Reich-Ranickis berühmtes Plädoyer, das 1974 die erste Folge der „Frankfurter Anthologie“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begleitete. Seitdem sind die Wege für die Dichtkunst komfortabler geworden, wenn auch jüngst gleich ganze „Avenidas“ von der poetischen Landkarte getilgt werden sollten. Und immer noch nicht freie Bahn herrscht für die Lyrik auf einem Feld, über dessen Bedeutung sich eigentlich alle einig sind, wenn es um die Hoffnung darauf geht, dass immer neue Dichter kommen und immer neue Dichtung gelesen wird: dem Kinderbuch. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat immerhin kürzlich mit Arne Rautenberg den ersten Lyriker in ihre Reihen aufgenommen, der sich dezidiert dafür einsetzt, Kindern Poesie nahezubringen. Vor allem, indem er speziell für Kinder dichtet.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das tut auch Michael Hammerschmid, 1972 geborener Schriftsteller aus Wien, im Brotberuf Lektor, aber seit 2013, als in einem kleinen österreichischen Verlag sein von der jungen Zeichnerin Mia Schwarcz illustrierter Gedichtband „die drachen die lachen“ herauskam, engagierter Verfasser von Kindergedichten. Nun ist seine zweite Publikation erschienen, „Schlaraffenbauch“, mit zwanzig Gedichten für Kinder, aber natürlich (wie bei jedem guten Kinderbuch) auch für Erwachsene. Wieder illustriert, diesmal von einer Großmeisterin des Metiers, von Rotraut Susanne Berner. Und dazu in einer höchst renommierten Bilderbuchreihe, den „Tollen Heften“, die seit dem Tod ihres Erfinders Armin Abmeier von dessen Witwe Rotraut Susanne Berner herausgegeben werden. Wenn sie da selbst zur Feder greift, um Bildvorlagen zu den für die Reihe üblichen Originalgraphiken zu erstellen, muss es sich schon um eine besondere Textvorlage handeln.

          Manches lässt sich eben doch besser sagen

          Vor allem natürlich um eine wortmächtige, denn nur die ist auch eine bildträchtige. So wie Hammerschmids Gedicht „Der Räuber“: „ach sähe man ihn bloß / sitzt wohl in einem kasten / springt gleich hervor / will geld / aber der kasten ist leer / kann doch nicht irgendwo / kann doch nicht überall / sein ein räuber / muss auch mit / gesicht sitzen oder stehen / liegen an einem ort / er wirkt so fort / so gar nicht da / als gäb’s ihn gar / nicht.“ Blankvers, Reim, Enjambement – wer Kindern etwas über Gedichte verständlich machen will, bekommt hier anschauliches Material, das zugleich so offen verfasst ist, dass der Phantasieraum des Lesers nicht eingeengt wird. Und genauso frei illustriert Rotraut Susanne Berner, wenn sie dazu eine schlummernde Person im nächtlich blaubeschatteten Bett zeichnet, über deren dickes Plumeau sich ein dünnes Männchen mit spitzem Bart, spitzer Nase und spitzem Hut vom linken Seitenrand beugt – der Räuber.

          Doch nein, es ist ein Moskito, denn auf der Nachbarseite ist die gleiche nächtliche Szene plötzlich in Licht getaucht, die Person im Bett erwacht und der bärtige Spitzkopf nun ganz im Bild. Er hockt auf dem Plumeau und zeigt nun seinen Insektenleib mit Flügeln, die Nase erweist sich als Stachel, und das lustige Bild illustriert nun ein weiteres Gedicht, „Die Gelse“: „hörst sie schon / kennst sie / kommt sie gewiss / und wird / ja wird dich / stechen / dich! / (und mich!) / spürst es schon / dieses jucken / und kratzen / ojemine / aber es ist nicht so / schlimm / mit spucke / darauf / und ich erwische sie / schon / doch / doch doch / oder sie kommt gar nicht“. Und schon die Tatsache, dass das „Räuber“-Gedicht durch einen Punkt am Ende abgeschlossen wurde, den Hammerschmid dem „Gelse“-Poem dann versagt, zeigt, wie viel weniger wahrscheinlich es ist, dass sich auch das Stechinsekt als eine bloße Phantasmagorie wie der Räuber erweist. Der Lyrik eine Gelse.

          Es macht großes Vergnügen, solche Verse zu lesen, noch mehr, sie zu deklamieren, und am meisten, dabei kindliche Zuhörer zu haben. Darum ist das Heft viel zu schnell ausgelesen, aber an den Bildern hat man zusätzliche Freude, weil sie auch für sich stehen können, und auf den Einschlagklappen hat Hammerschmid noch zwei weitere Gedichte mitgegeben, darunter zum Abschluss das schönste des ganzen Buchs. „Heute“ heißt es, und so geht es: „heute bist du schon / mit mama weg / und ich sitz da / wie ein depp / und die stille ist / sehr schön / und will dich doch / schon wiedersehen.“ Dazu hat Rotraut Susanne Berner nichts gezeichnet, genauso wenig wie zum Gedicht übers Gedichteschreiben, das sich auf der vorderen Klappe findet. Wozu auch? Manches lässt sich eben doch besser sagen als zeichnen, etwa der Gemütszustand beim Dichten: „in einem wort / wie wiederbumm“. Wie sähe das wohl illustriert aus? Fast vermisst man’s doch.

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