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Rosemary Sutcliffs „Der Adler der Neunten Legion“ : Im Namen des Vaters

          3 Min.

          Es gab Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer, Otfried Preusslers kleine Hexe und seinen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, es gab einen Privatdetektiv namens Tefan Tiegelmann und jede Menge Karl May. Im Rückblick erscheint der Kosmos der Jugendbücher zu Beginn der siebziger Jahre erstaunlich übersichtlich - und erstaunlich deutsch. Die Auswahl in der Stadtbücherei in Essen, damals immerhin die fünftgrößte Stadt der Bundesrepublik, kann so klein nicht gewesen sein, aber viel ist es nicht, was im Gedächtnis blieb.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Jack Londons „Seewolf“ kam noch hinzu und Enid Blytons Bücher, die früh mit den Reizen der Serie vertraut machten: Hatte man eines der Abenteuer der „Fünf Freunde“ miterlebt, hatte man keine Ruhe mehr, bevor alle Bände verschlungen waren.

          Damals konnte man den Büchern in der Stadtbibliothek sofort ansehen, wie beliebt sie waren. Weil die Bände abgegriffen und zerlesen aussahen. Und weil für jeden Leser das Rückgabedatum auf eingelegte Blätter am Ende des Buches gestempelt wurde.

          Nur ein erster Schritt

          Es muss viele Stempel in den Büchern von Rosemary Sutcliff gegeben haben. Damals, um 1970, hatte sie acht oder neun Romane veröffentlicht, von „Robin Hood“ aus dem Jahr 1950 über „Simon, der Kornett“ bis zu „Randal, der Ritter“ und „Das Stirnmal des Königs“. Sie war eine Klasse für sich, denn sie verfasste historische Romane für Kinder, die meistens in ein vorchristliches Britannien und zugleich in die Welt des Römischen Imperiums entführten, die spannend und auf beiläufige Weise lehrreich waren, die von Ruhm, Ehre und Abenteuern erzählten, aber zugleich gebrochene und keineswegs simpel gestrickte Helden beschrieben, deren Schicksal den kleinen Lesern vor Augen führten, dass das Erkennen und Ertragen einer Niederlage ein Sieg im Leben sein kann.

          Doch an eine Niederlage denkt Marcus Flavius Aquila in „Der Adler der Neunten Legion“ nicht, im Gegenteil, er ist auf dem Weg in die kleine Grenzfestung Isca Dumnoniorum, um dort als junger Centurio seine erste Stelle als Lagerkommandant anzutreten. Seine Karriereplanung mutet erstaunlich modern an. Alle Stationen sind festgelegt: Vom Lagerkommandanten will er aufsteigen bis zum Obersten Kohortenführer, dem Rang seines verstorbenen Vaters, und es bis zum Oberbefehlshaber einer Legion bringen. Dann will er das verlorene Landgut des Vaters in Etrurien zurückkaufen, um dort sein Leben zu beschließen. Isca Dumnoniorum ist also nur die unbedeutende erste Stufe auf der Karriereleiter.

          Eigentlich am Ende

          Heute heißt der Ort Exeter und ist die Hauptstadt der Grafschaft Devon. Damals war Isca die südwestlichste befestigte Siedlung der Römer in Britannien, also einer der äußersten Außenposten des römischen Weltreichs. Rom war die Herrin der Welt, aber Britannien hatte das Imperium nicht unterwerfen können. Die kriegerischen Stämme jenseits der Grenzen haben Roms Oberherrschaft nie anerkannt. In einer vom Vollmond beschienenen Nacht greifen sie das Lager an, und Marcus Aquila wird bei einer tollkühnen Verteidigungsaktion lebensgefährlich verletzt. Er überlebt, aber die Wunden am Bein sind so schwer, dass er sein Leben lang lahmen wird und den Dienst quittieren muss.

          Mit Anfang zwanzig steht er vor den Trümmern seines Lebens: ein verkrüppelter ehemaliger Berufssoldat, ohne Familie, nahezu mittellos, seinem alten Onkel, der ihn aufgenommen hat, eine Last. Das bisschen Geld, das ihm beim Abschied von der Armee ausgezahlt wurde, gibt er für einen Sklaven aus, einen Gladiatoren, der in der Arena besiegt wurde und dem sich der verkrüppelte Centurio auf seltsame Weise verbunden fühlt. Gemeinsam werden sich die beiden auf eine gefährliche Reise in den Norden begeben, um das Schicksal der verschwundenen Neunten Legion aufzuklären und den Adler, das Feldzeichen der Armee, zurückzubringen.

          Die einzige Hilfe

          Als der „Adler der Neunten Legion“, Rosemary Sutcliffs berühmtestes Buch, 1954 erschien, lag der Zweite Weltkrieg gerade einmal neun Jahre zurück. Großbritannien war nicht untergegangen wie das Römische Reich, aber es hatte aufgehört, ein Weltreich zu sein. Rosemary Sutcliff führte ihre Leser zurück in eine Zeit, in der England selbst Kolonie einer Weltmacht war, aber sie wählte für ihr Buch nicht die Perspektive eines britischen Kriegers, der gegen die Besatzer aufbegehrt, sondern sie schlüpft in die Haut eines jungen Römers, dessen Vater in einem fremden Land in einer ruhmlos verlorenen Schlacht gefallen war. Bei seinem Versuch, den Adler der Neunten Legion aus den Händen der tätowierten Krieger aus dem wilden, gefürchteten Norden der Insel zurückzuholen und die Ehre Roms und seiner Familie wiederherzustellen, kann Marcus Aquila weder auf die Stärke Roms noch auf die seiner Legionen zählen. Die einzige Hilfe kommt aus dem Feindesland: sein britischer Sklave Esca.

          „Der Adler der Neunten Legion“, gerade wieder als Taschenbuch erschienen, ist ein Klassiker, aber ein erstaunlich moderner: Denn Marcus Aquila ist ein Produkt jenes Globalisierungsprozesses, als den man Roms Expansion begreifen kann, ein Mann, der vorurteilslos auf eine unterlegene Kultur blickt, der die Perspektive zu wechseln vermag und deshalb lernt, Begriffe wie Freiheit und Heimat zu neu zu bestimmen.

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