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Neues von Nikolaus Heidelbach : Eltern sind die schlimmeren Gespenster

Nikolaus Heidelbach: „Rosel von Melaten“. Atlantik Verlag, Hamburg 2015. 64 S., geb., 20,- €. Ab 12 J. Bild: Atlantik Verlag

Epitaph für die Jüngsten: Nikolaus Heidelbachs „Rosel von Melaten“ ist die Geschichte eines Mädchens, das nach seinem Tod auf andere Kinder achtgibt.

          Ein Nangijala gibt es für Rosel nicht. Kein Land, in dem es allen wieder gutgeht, ist das Sterben erst einmal durchgestanden. Dennoch ist Rosel da, wo man sie zuletzt hingebracht hat, ganz zufrieden. Und nennt sich „Rosel von Melaten“. Erlöst werden will sie gar nicht, sie hat es sich bequem eingerichtet in ihrem Kindergrab auf dem Kölner Zentralfriedhof. Sogar eine Tür mit Klingelschild gibt es, dahinter, darunter, ein weiches Bett. Doch Rosel hat eine schwierige Aufgabe.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rosel von Melaten ist ein besonderes Gespenst. Eines mit tragischem Vorleben, logisch, sonst wäre sie ja keines. Doch der Horror geht nicht von Rosels kleiner weißer Gestalt mit der roten Krawatte aus, die den sieben Jahre alten Georg, der gegenüber dem Haupteingang von Melaten lebt, in ihr Grabbett zieht. Der Horror liegt ganz woanders.

          Er springt dem Leser aus den Bildern entgegen. Eine bösartige Fratze mit fast freiliegenden Augäpfeln, das Weiß rotgeädert, stiert uns an, als wolle sie auf uns zustürzen. Tausende von Schirmen, Stöcken, Gürteln, Kochlöffeln scheinen aus der Decke auf den Betrachter zu fallen, zu prügeln, zu quälen, zu durchbohren. Ein kleines Kind auf einem Dreirad hat ein blaues Auge, eine Schramme, dann noch eine. Doch das Grauen ist auch gut versteckt in dieser Geschichte. Zum Beispiel in einer nächtlichen Straßenszene, wo hinter parkenden Autos zwei winzige schlaffe Kinderfüße in einer roten Lache liegen. Schon in diesem Bild auf der ersten Textseite kann man das Grauen nur entdecken, wenn man ganz genau hinsieht und es auch sehen will.

          Umso näher an der Wirklichkeit

          Davon handelt Nikolaus Heidelbachs „Rosel von Melaten“. Georgs ganz nette Eltern etwa regen sich zwar über den Lärm der Nachbarn von oben auf. Aber niemand fragt, was dort eigentlich vor sich geht. Bis dann, der letzte Graus in dieser an Grauen reichen Geschichte, nicht der kleine Nachbarssohn stirbt, sondern Georg, der Löwenherz von Köln. Er fängt, seine letzte Tat, im Flug Wilfried auf, als dieser von den eigenen Eltern aus dem Fenster geworfen wird.

          Nikolaus Heidelbach ist einer der bekanntesten Zeichner, Illustratoren, Erzähler in der deutschen Literatur. Mit Vincent Klink und Wiglaf Droste etwa hat er schlitzohrige Bild-Erzählbände von Wein über Wurst bis Liebe herausgegeben - Erwachsenenliteratur. Wenn seine Protagonisten jung sind, fällt unter Kinderbuch, was der 1955 geborene Kölner verfasst, und meist schreiben dann die Kritiker, das Buch lohne sich in jedem Fall nicht nur für Kinder. Es sind Kunstwerke, mit einem unverkennbaren Stil, jenseits von Rosa und Himmelblau, sie können böse werden, versponnen, phantastisch und sind gerade dadurch umso näher an der Wirklichkeit, ihrer Schönheit und ihrem Schrecken.

          Sie kann nur schreien

          In seinem jüngsten Werk ist das auch so. Sonst ist alles anders. Heidelbachs Geschichte hat einen schlichten, märchenhaften und doch realistischen Ton. Die schmalen Seiten des Buchs sind mal ganz mit Text bedruckt, dann wieder nur Bild, es gibt kurze Absätze mit Vignetten, Bildfolgen, unter denen nur eine knappe Zeile die Hast und das Unheimliche der Geschichte beschleunigt, bis sich dann der Textfluss wieder verlangsamt.

          Die Gespenster, der Horror, das Böse, das sind hier Eltern, Verwandte, die ihre Kinder quälen und töten. Immer bei Vollmond muss Rosel, das Kind, das von seinen Eltern einst ermordet wurde, losziehen. Es ahnt, wo ein Unglück geschieht, es schwebt am Todesort des nächsten Kindes und schreit. Sie schreit, als ein Vater seine Tochter aus dem Fenster wirft, als ein Junge von den Eltern zu Tode gehungert wird, sie schreit, als eine Mutter ihr Kind verbrennt. Durch ihre Gespensterarme rutschen die Körper der Kinder hindurch, nur schreien kann sie, um auf das Unglück hinzuweisen. In Georg findet sie kein Opfer, sondern einen Komplizen.

          Vielleicht kann sie ja doch einmal ein Kind retten

          Ist „Rosel von Melaten“ ein Kinderbuch? Heidelbachs angestammter Kinderbuchverlag Beltz & Gelberg hat es nicht verlegen wollen. Sieben Jahre alt ist Georg. Und Rosel, die uns auf den Bildern mit schwarzem Strubbelhaar und weichen Gliedern entgegenblickt, dürfte etwa genauso alt sein. Sie sind eindeutig Kinder, doch die Faustregel, die im Kinderbuch besagt, die Helden seien meist im Alter der Leser oder etwas älter, ist hier außer Kraft gesetzt: Kindern dieses Alters würde man dies nicht zu lesen geben. Auch sie ahnen zwar, und bekommen immer wieder gesagt, dass es böse Menschen gibt, Unglücksfälle, Schuld und Tod. In der einfachen Sprache und den selbst in den hellsten Flächen dunklen Bildern Heidelbachs aber steckt die Kraft, ihnen jedes Grundvertrauen darauf zu nehmen, dass etwas gut werden könnte. Auch der Schluss ist schließlich ambivalent - und kein Ende.

          Für deutlich ältere Kinder und Erwachsene allerdings hat Heidelbach alles andere als eine „gespenstische Liebesgeschichte“ geschrieben, wie der Verlag Atlantik titelt, der das Werk als „Geschenkbuch“ veröffentlicht. Es ist ein Buch, das Aufmerksamkeit verlangt, und ein poetisches Epitaph für alle Kinder, die von ihren Eltern gequält und ermordet wurden.

          „Er hat nie verstanden, wie manche Eltern, sobald sie auch nur einmal ihr Kind gerochen haben, es dennoch schlagen können“, schreibt Andreas Steinhöfel in seinem Roman „Anders“ über den Vater des Jungen. Niemand kann das verstehen. Heidelbach hat aus dieser Unmöglichkeit die Figur seines kleinen Gespensts geschaffen. Zwölfmal im Jahr kann Rosel losziehen, immer voll Hoffnung, doch einmal durch ihren Schrei ein Kind zu retten - wenn jemand zuhört. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland laut Kriminalstatistik 108 Kinder umgebracht worden.

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