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Robert M. Sonntag: „Die Gescannten“. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2019. 192 S., br., 8,– Euro. Ab 12 J. Bild: Fischer Taschenbuch Verlag

Jugendthriller „Die Gescannten“ : So überwacht sich jeder selbst

Wenn Menschen im Überwachungsapparat überflüssig werden: In einem Jugendthriller beschreibt Martin Schäuble als Robert M. Sonntag die Herrschaft Künstlicher Intelligenz.

          3 Min.

          An der Stelle, wo der Müllkanal durch ein Loch in der Mauer aus der Stadt führt, ist ein ganzes Arsenal von Kameras, Antennen und Meldern installiert: An ihnen vorbei ist Rob damals aus dem Zugriffsbereich des Unterhaltungs- und Überwachungskonzerns Ultranetz entkommen. Je nach Rechnung sechs oder dreizehn Jahre ist das jetzt her: In „Die Scanner“ hatte Robert M. Sonntag 2013 von einer Stadt im Jahr 2035 erzählt, in der Buchagenten Jagd auf alles Gedruckte machen, weil die Unabhängigkeit dieses Datenträgers den Mächtigen ein Dorn im Auge ist. Eine Datenbrille soll an ihrer Stelle die passende Information liefern, und zwar beiderseits: ihren Trägern das, was Ultranetz ihnen ausspielt - und dem Konzern, was über die Brille aufgezeichnet wird. Damals eine Vision von bedrückender Aktualität: Im Juni 2012 hatte Google seine Datenbrille Google Glass vorgestellt, 2014 sollte sie auf den Markt kommen.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          In „Die Gescannten“, dem zweiten Buch, das Martin Schäuble jetzt unter dem Pseudonym Robert M. Sonntag veröffentlicht, schreiben wir das Jahr 2048 - und folgen Jaro, einem anderen jungen Helden, auf dem selben Weg zurück in die Stadt. Die menschengroße Schrift „Achtung. Stadtgrenze. Lebensgefahr!“ ist verblichen, die Antennen sind abgeknickt, den Kameras fehlen die Objektive: Diese Technik, im ersten Buch Schreckensbild für die Figuren wie für die Leser, hat ausgedient. Jetzt ist „jeder Mensch seine eigene Überwachungskamera“: An einem Port im Hinterkopf tragen sie ein Gerät von der Größe einer Kirschtomate, das sich beim Hochfahren mit tiefer, warmer Stimme zu erkennen gibt: „Der Denker. Absolute Realität. Absolute Kommunikation. Absolute Intelligenz. Aktivierung erfolgreich.“

          Die durchdringende Gänsehautstimme hört freilich nur der Träger des Denkers. Oder müsste man sagen: Er denkt sie? So wie er auch mit seinen Mitmenschen allein über Gedanken kommunizieren kann, mit all den putzigen Wesen, mit denen er je nach Preisklasse seines Abonnements seinen ohne Denker grauen Alltag bevölkern kann - und mit dem Konzern, der es nicht bei Werbeeinspielungen mit verlockenden Upgrade-Angeboten belässt.

          Seine Begeisterung soll ihn unauffällig machen

          „Mit der Mobril haben die Menschen das Lesen und Schreiben verlernt“, sagt Arne bitter, „mit dem Denker verlernen sie das Sprechen.“ Er ist einer der Anführer der Menschen, die außerhalb der Stadt leben, unter harten Bedingungen, mit meist veralteter Technik, in einem Bereich, den Ultranetz als Wüste darstellt. Sein letzter Plan, die Leute aus der Informationsabhängigkeit zu retten, war krachend gescheitert: Kistenweise hatten sie Bücher in die Stadt geschleust, und keiner hatte sich dafür interessiert - abgesehen von Leuten aus den Armenvierteln, denen Brennstoff willkommen war.

          Jetzt plant Arnes Gilde einen neuen Angriff, und ausgerechnet ein sechzehn Jahre alter Junge soll ihn anführen - ohne es recht zu wissen. „Kaum einer hatte so eine Sehnsucht nach dieser Stadt wie er. Alles, was Jaros Eltern an Ultranetz kritisierten, faszinierte ihn. Das hatten sowohl seine Eltern als auch andere der Gilde gemerkt.“ Seine Begeisterung soll den Jungen unauffällig machen. Selbst der Denker, so die Hoffnung der Abtrünnigen, hätte es schwer, diese Art Spion zu durchschauen.

          Was finden die beiden aneinander?

          Dem Naturburschen in der Stadt stellt Martin Schäuble eine Gleichaltrige aus der Stadt erst gegenüber, dann zur Seite. Doch der Gilde bleibt kaum Zeit, diese Nana über die wahren Todesumstände ihres Vaters aufzuklären und sie so zu Jaros Verbündeter zu machen, da werden die beiden schon durch die Stadt und aus ihr heraus gejagt, gelockt, gebracht. Um schließlich als Gefangene einer Künstlichen Intelligenz zu enden, die sich gerade einmal drei Menschen an einem sicheren Ort, im Wald halten will - als Sicherungskopien. Die indes nicht weiß, dass Jaro von der Gilde nicht nur mit einem Denker-Port ausgestattet worden ist.

          Wie in „Die Scanner“ hat Martin Schäuble eine aktuell vieldiskutierte Technologie für faszinierende Gedankenspiele genutzt. Wie er 2017 in seinem Roman „Endland“, dem Szenario einer Gesellschaft nach der Machtübernahme einer Partei namens Nationale Alternative, Zitate aus AfD-Programmen eingesetzt hat, finden sich hier Aussagen von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Ross Godwin, dem Entwickler von Googles KI. Sorgfältig führt er eine Welt vor, in der Simulation Alltag und das Künstliche die Norm ist. Bevor Nana und Jaro merken, dass alle anderen Passagiere zum Verlassen des Metro-Gleiters aufgefordert worden sind und nur sie nicht mehr herauskommen.

          Dann gewinnt nicht nur das Gefährt rapide an Fahrt, „von null auf unglaublich schnell“, sondern auch die Geschichte. Im letzten Drittel des Buchs passiert so viel, dass Jaro und Nana selbst ein bisschen aus dem Blick geraten. Dabei hätte man doch gern genauer gewusst, was die beiden bei aller Fremdheit aneinander finden. Und mehr noch: wie sich bei Jaro, diesem Helden wider Willen, die Faszination der Stadt in diesen Willen zum Widerstand verwandelt.

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