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Janne Tellers Erzählungsband „Alles“ : Studien in Fanatismus

Bild: Hanser

In den Geschichten ihre Erzählungsbands „Alles“ zeigt Janne Teller, welches Unheil starre Perspektiven anrichten können.

          2 Min.

          „Genau genommen bin ich gar nicht verrückt“, schreibt Janne Teller in der Erzählung „Alles“, die ihrer neuen Geschichtensammlung den Namen gibt und in der sie Rechenschaft ablegt über ihre Literatur, „nicht, wenn ich schreibe.“ Dann nämlich hänge „Alles zusammen, dann weiß ich Alles, denn dann bin ich nicht ich, sondern ein Teil von diesem Alles, und Alles ist es, das die Wörter findet“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist nicht gerade ein Plädoyer für einen literarischen Realismus, und wer Tellers Erfolgsroman „Nichts“ vor Augen hat, wird vor dem Hintergrund dieser programmatischen Äußerung den gern geäußerten Vorwurf an dieses Buch, es verstöre junge Leser durch zu viel grausame Szenen, noch etwas fragwürdiger finden als vielleicht ohnehin schon. Der nähere Blick auf die nun in „Alles“ versammelten Geschichten untermauert diesen Befund: Teller geht es auch hier nicht um eine möglichst exakte Abbildung von Wirklichkeit, nicht um aus dem Leben gegriffene Geschichten, sondern um eine tiefere Schicht, in der in einer disparaten Situation die Personen und Dinge miteinander in Beziehung stehen.

          Was dabei herauskommt

          Aber in welcher? Der Autorin geht es in ihren meist recht kurzen Geschichten erklärtermaßen um biographische Wendepunkte, um Augenblicke, in denen ein Knoten platzt, ein langer Konflikt zum Ausbruch kommt, oder auch um die nachträgliche Erörterung eines solchen Moments. Wie kam es beispielsweise zu dem Gewaltausbruch, möchte ein Erwachsener von einem Jugendlichen wissen, der einen anderen fast totgetreten hat, und was er zur Antwort bekommt, kann er nur mühsam nachvollziehen. Ein anderer berichtet in einem inneren Monolog von der Hetze gegen eine Minderheit, die er in Form von Leserbriefen betreibt, von der Zustimmung, die er bekommt, und von dem Moment, in dem das Pendel umschlägt und er sich selbst in einer Minderheit wiederfindet. Ein Mädchen findet den Mut, in einer unklaren Situation zwei offensichtlich Unschuldige vor dem Mob zu retten, und ein anderes reagiert auf monatelange Anfeindungen mit einem Ausbruch von Zerstörungswut, der auch die Aggressorin zu überraschen scheint.

          Worauf können die Protagonisten dabei bauen? Sicherlich nicht auf ihre Instinkte, denn die wenigsten verbessern dabei die Situation für sich und ihre Umgebung, und am schlimmsten scheitern diejenigen, die es am besten meinen. Teller ergreift keine Partei. Sie führt ihre Protagonisten aber auch nicht vor, nicht die Schläger und Mörder, nicht die Gutwilligen, die in die Irre gehen. In ihren Geschichten, die sich zum großen Teil an Jugendliche richten, zeigt sie allerdings, welches Unheil starre Perspektiven anrichten können. Und dass dabei Fanatismus herauskommt, konnte man schon in „Nichts“ lesen.

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