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David Safiers Roman „28 Tage lang“ : Willst du ein Mensch sein, der sich abschlachten lässt?

Bild: Kindler

Aus Sicht eines fünfzehn Jahre alten Mädchens: David Safiers Roman „28 Tage lang“ schildert den Widerstand der Juden im Warschauer Getto.

          4 Min.

          Als alles vorbei ist, fürs Erste jedenfalls, zieht der Held Bilanz. Exakt vier Wochen lang haben er und seine Kampfgefährten im Warschauer Getto den Deutschen die Stirn geboten. Sie haben die Besatzer angegriffen, sind vor der Übermacht in Bunker geflohen und haben den Kampf von dort aus fortgesetzt. Sie haben entsetzlich dafür bezahlt und viele Mitkämpfer verloren, aber sie konnten schließlich mit einer kleinen Gruppe aus dem Getto entkommen. Ein Erfolg, findet der junge Amos, der sich sehen lassen kann mitten im Zweiten Weltkrieg: „Wir haben länger durchgehalten als Frankreich.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie es dazu kam, erzählt David Safiers Roman „28 Tage lang“, der nun gleichzeitig bei zwei Verlagen erschienen ist, von denen sich der eine an ein jugendliches, der andere an ein erwachsenes Publikum richtet - auch Markus Zusaks weltweiter Bestseller „Die Bücherdiebin“ wurde 2008 auf diese Weise in Deutschland publiziert. Wie Zusaks Roman beschreibt auch „28 Tage lang“ die Situation von Zivilisten mitten im Zweiten Weltkrieg. Seine Erzählerin ist das fünfzehnjährige jüdische Mädchen Mira, das mit seiner Familie ins Warschauer Getto geschafft wird und sich dort anfangs abstrampelt, um sich, ihrer Mutter und ihrer zwölfjährigen Schwester Hannah ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Doch die Zeiten ändern sich rasch, die Repressionen der Deutschen nehmen zu, und als das Getto 1942/43 schließlich geräumt und die Bevölkerung in die Vernichtungslager gebracht werden soll, geht es für die hungernden Bewohner nur noch ums Überleben. Wie sie gegeneinander um den letzten Brotkanten kämpfen, wird ebenso eindringlich geschildert wie der von den Besatzern geschickt geförderte Verrat - einige Juden hoffen, ihr Leben dadurch zu retten, indem sie das der anderen opfern.

          Sie wird schuldig, ob sie will oder nicht

          Safier, der als Drehbuchautor unter anderem durch die Fernsehserie „Berlin, Berlin“ bekannt wurde und dessen Romane wie „Mieses Kharma“, „Jesus liebt mich“ oder „Plötzlich Shakespeare“ Bestseller wurden, entwirft sein Panorama um Mira, ihre Familie und ihre beiden Freunde Daniel und Amos unübersehbar auf der Grundlage historischer Fakten und Augenzeugenberichte. Reale Persönlichkeiten wie der Schriftsteller und Waisenhausdirektor Janusz Korczak treten auf, und Mira ist etwa als versteckte Beobachterin dabei, als das Waisenhaus geräumt wird und Korczak mit den Kindern in den Tod geht. Miras Freund Daniel aber, ein treuer Helfer Korczaks, kann ihm nicht folgen, weil Mira ihn nicht gehen lässt und sogar niederschlägt - als Daniel aus seiner Ohnmacht erwacht, sind die beiden allein im geräumten Waisenhaus.

          Natürlich bezieht der Roman genau aus dieser Verschränkung von Historie und Fiktion seine Wirkung, und da der Autor das Grauen, das er beschreibt, allmählich in den Horizont seiner Erzählerin treten lässt, dann aber konsequent und mit zunehmender Intensität beleuchtet, gibt es auch für den Leser keine bequeme Flucht aus dieser Geschichte. Safier macht Ernst, weil die Dinge so waren, wie sie eben waren, er konfrontiert Mira mit willkürlich begangenen Morden, lässt sie ihre toten Verwandten in ihrem Blut auffinden oder zwingt sie zu grauenhaften Entscheidungen, die sie schuldig werden lassen, ob sie nun will oder nicht. Wer jedenfalls glaubt, es ließe sich in einer solchen Situation leichthin und ohne weiteres über Gut und Böse richten, dürfte in diesem Buch fortwährend eines Besseren belehrt werden.

          Willst du dich wehren?

          Das heißt nun nicht, dass moralische Fragen keine Rolle mehr spielten, im Gegenteil. Mira jedenfalls schlägt sich umso dringlicher damit herum, „was für ein Mensch“ sie eigentlich sein wolle. Die wiederkehrende Frage ist das Leitmotiv des Romans, und als Mira sie zum ersten Mal gestellt bekommt, antwortet sie: „Einer, der überlebt.“ Exakt dies ist auch die letzte Antwort, die das Mädchen am Ende des Buchs gibt. Derselbe Wortlaut verdeckt aber, dass sich inzwischen die Bedeutung der Antwort längst gewandelt hat. Ist das Überleben anfangs eine Sache des Instinkts, spielt am Ende die Fürsorge eine Rolle, die Mira für das Waisenmädchen Rebecca übernommen hat - und eine Liebe, die sich wunderbarerweise unter derart grausigen Umständen entwickeln konnte.

          „Willst du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lässt? Oder einer, der sich wehrt?“ Auch dieser Frage stellt sich Mira im Verlauf des Romans, so wie sich alle anderen ihr stellen müssen, und dass Safier dabei durchaus unterschiedliche Antworten darstellt, ohne sie zu verurteilen, tut dem Roman entschieden gut. Mira jedenfalls schlägt sich verspätet, aber mit vollem Herzen auf die Seite derer, die den Deutschen Widerstand leisten. Der kündigt sich etwa in der Mitte des Bandes an, und das Vorbild der antiken Juden, die in der Festung Masada im Jahr 73 nach Christus eine Zeitlang gegen die übermächtigen Römer kämpften und schließlich in den Tod gingen, spielt dabei für die Gettobewohner eine gewisse Rolle. Gleichzeitig schildert Safier auch Überlebensstrategien, die nichts Martialisches an sich haben, indem er etwa den Trost des Erzählens beschwört und Miras Schwester Hannah ihre Fortsetzungsgeschichte von Kapitän Karotte für ihre Zuhörer entwerfen lässt. Später wird Mira den Faden aufnehmen und damit für einen Moment auch diejenigen zurück ins Leben holen, die längst schon nicht mehr sind - ein Schimmer von Transzendenz in einer sonst dezidiert realistischen Atmosphäre.

          Darüber lässt sich hinweglesen

          Safier erzählt eine große, packende Geschichte von tragischer Wucht, die ihre Leser nicht verfehlen wird. Das einzige Manko des Buchs aber ist seine Sprache, jedenfalls immer dann, wenn der Autor seinem Erzählen nicht vertraut und verstärkende Füllwörter streut, wo sie nicht nötig wären. Angst ist da „einfach riesengroß“, „das Getto hatte eben bei weitem noch nicht alle von uns gebrochen“, da es „sogar richtig gute Menschen“ dort gab. In Dialogen wird auf engstem Raum „erstaunt festgestellt“ und „dagegen gehalten“, wenn einem die Gegenrede nicht „entfährt“ oder es „schlicht und ergreifend der falsche Zeitpunkt“ dafür ist.

          Es fällt nicht schwer, darüber hinwegzulesen. Denn während die Sprache des Buches manchmal zum Überdeutlichen tendiert, ist dessen Inhalt immer wieder von Ambivalenz bestimmt. Safiers sympathische Heldin erzählt, liebt, hasst, verzweifelt und hofft, aber der Autor macht weder sich noch uns mit ihr gemein. Und bricht sein Buch im bestmöglichen Moment ab.

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