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David Safiers Roman „28 Tage lang“ : Willst du ein Mensch sein, der sich abschlachten lässt?

Willst du dich wehren?

Das heißt nun nicht, dass moralische Fragen keine Rolle mehr spielten, im Gegenteil. Mira jedenfalls schlägt sich umso dringlicher damit herum, „was für ein Mensch“ sie eigentlich sein wolle. Die wiederkehrende Frage ist das Leitmotiv des Romans, und als Mira sie zum ersten Mal gestellt bekommt, antwortet sie: „Einer, der überlebt.“ Exakt dies ist auch die letzte Antwort, die das Mädchen am Ende des Buchs gibt. Derselbe Wortlaut verdeckt aber, dass sich inzwischen die Bedeutung der Antwort längst gewandelt hat. Ist das Überleben anfangs eine Sache des Instinkts, spielt am Ende die Fürsorge eine Rolle, die Mira für das Waisenmädchen Rebecca übernommen hat - und eine Liebe, die sich wunderbarerweise unter derart grausigen Umständen entwickeln konnte.

„Willst du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lässt? Oder einer, der sich wehrt?“ Auch dieser Frage stellt sich Mira im Verlauf des Romans, so wie sich alle anderen ihr stellen müssen, und dass Safier dabei durchaus unterschiedliche Antworten darstellt, ohne sie zu verurteilen, tut dem Roman entschieden gut. Mira jedenfalls schlägt sich verspätet, aber mit vollem Herzen auf die Seite derer, die den Deutschen Widerstand leisten. Der kündigt sich etwa in der Mitte des Bandes an, und das Vorbild der antiken Juden, die in der Festung Masada im Jahr 73 nach Christus eine Zeitlang gegen die übermächtigen Römer kämpften und schließlich in den Tod gingen, spielt dabei für die Gettobewohner eine gewisse Rolle. Gleichzeitig schildert Safier auch Überlebensstrategien, die nichts Martialisches an sich haben, indem er etwa den Trost des Erzählens beschwört und Miras Schwester Hannah ihre Fortsetzungsgeschichte von Kapitän Karotte für ihre Zuhörer entwerfen lässt. Später wird Mira den Faden aufnehmen und damit für einen Moment auch diejenigen zurück ins Leben holen, die längst schon nicht mehr sind - ein Schimmer von Transzendenz in einer sonst dezidiert realistischen Atmosphäre.

Darüber lässt sich hinweglesen

Safier erzählt eine große, packende Geschichte von tragischer Wucht, die ihre Leser nicht verfehlen wird. Das einzige Manko des Buchs aber ist seine Sprache, jedenfalls immer dann, wenn der Autor seinem Erzählen nicht vertraut und verstärkende Füllwörter streut, wo sie nicht nötig wären. Angst ist da „einfach riesengroß“, „das Getto hatte eben bei weitem noch nicht alle von uns gebrochen“, da es „sogar richtig gute Menschen“ dort gab. In Dialogen wird auf engstem Raum „erstaunt festgestellt“ und „dagegen gehalten“, wenn einem die Gegenrede nicht „entfährt“ oder es „schlicht und ergreifend der falsche Zeitpunkt“ dafür ist.

Es fällt nicht schwer, darüber hinwegzulesen. Denn während die Sprache des Buches manchmal zum Überdeutlichen tendiert, ist dessen Inhalt immer wieder von Ambivalenz bestimmt. Safiers sympathische Heldin erzählt, liebt, hasst, verzweifelt und hofft, aber der Autor macht weder sich noch uns mit ihr gemein. Und bricht sein Buch im bestmöglichen Moment ab.

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