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„Homeland“ von Cory Doctorow : Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden

Bild: Heyne

Eine wahre Geschichte aus dem Hackerleben? Cory Doctorows neuer Roman „Homeland“ spielt nicht mit Überwachungsängsten, sondern will Mut machen.

          5 Min.

          Kommt uns das nicht bekannt vor? „Nicht alle bei der Behörde wollen, dass sich Amerika in einen Polizeistaat verwandelt“, lässt der Aktivist und Autor Cory Doctorow eine Figur in seinem Jugendroman „Homeland“ erklären, „manche machen einfach bloß ihre Arbeit: die wirklich bösen Buben fangen, echte Verbrechensbekämpfung, Katastrophenschutz. Doch was sie bei ihrer Arbeit alles mitkriegen, macht sie nicht glücklich. Und manchmal stößt man auf etwas so Schlimmes, dass man sich nicht mehr im Spiegel anschauen kann, wenn man nichts unternimmt. Also kopiert man vielleicht einfach mal ein paar Dateien, sammelt Beweise. Man denkt sich, ,irgendwann wird irgendwer schon was sagen, und dann lass ich ihm das heimlich zukommen, und mein Gewissen ist wieder damit versöhnt, was für eine Schmutzarbeit ich hier mache‘.“

          Die Zeilen lesen sich wie der Versuch, zu begründen, warum Edward Snowden seine Datensammlung über die Überwachungsprogramme der NSA angelegt hat. Doch sie stammen aus einer Zeit, als noch kaum jemand den Namen des jungen Mannes aus North Carolina kannte: Doctorows Jugendroman ist im Februar vor einem Jahr in der Originalfassung erschienen, vier Monate bevor die ersten Dokumente aus Snowdens Bestand an die Öffentlichkeit kamen. Unwillkürlich atmet der Leser auf, wenn er merkt, dass das Buch doch eine andere Wendung nimmt und nicht, wie es in der im Mai 2012 erstmals ausgestrahlten Folge „No Good Deed“ der Fernsehserie „Person of Interest“ geschah, die Geschichte eines jungen Datenanalysten bei der NSA vorwegnimmt, der zum Whistleblower wird. Nicht, dass dem Buch die visionäre Kraft fehlte. Nicht, dass die Techniken, Absichten und Tricks, von denen in „Homeland“ die Rede ist, unrealistisch oder ungebräuchlich wären. Doch statt allgemein Konzept und Einsatz geheimdienstlicher Überwachungsinstrumente zu schildern, beschreibt Doctorow anwendungsbezogen, wie etwa Schüler und Studenten, das Publikum des Autors also, ausspioniert werden. Anstelle des Ohnmachtsgefühls, das sich angesichts der NSA-Enthüllungen leicht einstellt, vermag er, Empörung hervorzurufen.

          Achthunderttausend Dateien: Alles muss raus

          Beim Burning Man Festival, in jener Stadt aus Staub und Flammen in der Wüste Nevadas, wo jedes Jahr im Spätsommer fünfzigtausend Freaks und Feuerkünstler eine Woche lang feiern, trifft Marcus Yallow alte Bekannte. Ihn selbst kennen Doctorows Leser aus dem Buch „Little Brother“, in dem er aus gehackten X-Boxes ein alternatives Netz entwickelt und so den Widerstand gegen die polizeiliche Überwachung in San Francisco organisiert hat, die nach einem Anschlag aus dem Ruder demokratischer Legitimation gelaufen ist. Jetzt, ein paar Jahre später, läuft ihm beim Feiern in der Black-Rock-Wüste nicht nur die ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin Masha über den Weg, vor der er im Vorgängerbuch gerade noch hatte fliehen können, sie drückt ihm auch noch ihre Gedanken zu Schmutzarbeit und Gewissen auf und dazu einen USB-Stick in die Hand. Die eindringliche Bitte: Alles, was darauf ist, zu veröffentlichen, wenn sie ein Signal gibt, wenn er ein Jahr lang nichts von ihr hört oder wenn er mitbekommt, dass es sie erwischt hat. Und es erwischt sie schnell.

          Mit seinen Freunden stellt er die mehr als achthunderttausend Dateien mit allerlei Sicherheitsvorkehrungen geschützt in einen unzugänglichen Teil des Netzes und beginnt sie durchzusehen. Bald muss er feststellen, dass alles, was er sich ansieht, kurz darauf ohne sein Zutun veröffentlicht wird. Schließlich merkt er, dass sein eigener Laptop das Datenleck ist und Hacker alles lesen, was er aufruft und tippt, während sie ihn über die Webcam beobachten. Doch der größere Schreck erwartet Marcus, als er abends das Büro verlässt, in dem er neuerdings den Wahlkampf „2.0“ eines unabhängigen Kandidaten für den kalifornischen Senat im Netz nach vorne bringen soll: Zwei finstere Gestalten verschleppen und verhören ihn nach Geheimdienstart.

          Ein Unternehmen mit ganz eigenen Verfahren

          Er entkommt mit gebrochener Nase, dem Versprechen, alle erreichbaren Dokumente für immer gelöscht zu haben, und der Gewissheit, sie jetzt so schnell wie möglich veröffentlichen zu müssen. Doch als endlich alles öffentlich ist, immer noch umständlich, aber doch für alle abrufbar, sind die Reaktionen verhalten. Genauer gesagt, die Enthüllungen werden im Netz heruntergespielt: Uninteressant seien sie, heißt es überall, wahrscheinlich gefälscht. Eine Desinformationskampagne. Von der sich allerdings nicht alle Nutzer beschwichtigen lassen.

          Immerhin ist der erste größere Fund in Dokumenten - unter denen sich auch eine Anleitung zum Waterboarding findet, die Produktbeschreibung einer Software, die beim Upgrade von Betriebssystemen und Apps gezielt Computer und Smartphones infiziert, oder die Dateien eines ehemaligen Lehrers, der über die Webcams der Laptops von Schülern in deren Privatleben herumschnüffelt - ein echter Aufreger: Ein Unternehmen, das mit der Sicherung der Nachschubwege für das amerikanische Militär im Irak und in Afghanistan groß geworden ist, vergibt neuerdings Studienkredite. Die Schulden, die junge Leute in Amerika machen, um das College zu bezahlen, überstehen selbst eine Privatinsolvenz und können sich durch Mahngebühren verdreifachen. Zyz hat solche Kredite übernommen und seine ganz eigenen Verfahren, die Schuldner an ihre Zahlungspflicht zu erinnern. Oder unliebsame Schnüffler wie Masha oder Marcus Yallow zum Schweigen zu bringen.

          Welt- und Technikerklärung, Appell - und die Liebe

          Es kommt, wie es auch im ersten Teil der „Little Brother“-Geschichte gekommen ist: Die Leute gehen auf die Straße, ganz San Francisco ist schließlich auf den Beinen. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, schickt ihre Drohnen und Ballons mit Tränengas über die Menge und setzt deren Smartphones mit einem elektromagnetischen Impuls außer Gefecht. Wer nicht spurt, wird abgeführt, in eine mit Käfigen vollgestellte Halle gefahren, die in den Medien sarkastisch „Hühnerfarm“ genannt wird, festgehalten, verhört und verhöhnt. Marcus ist einer von ihnen.

          Cory Doctorow mischt Welt- und Technikerklärung, Hacker-Handreichung und aktivistischen Appell in eine Erzählung über Zugehörigkeit und Eigensinn, Jungsein und Erwachsenwerden. In einer Zeit, in der vielen die Rechner und Programme ihrer Allgegenwärtigkeit zum Trotz unverständlich und unbeeinflussbar erscheinen, erzählt er ausführlich, einladend und nachvollziehbar, wie wir unsere Daten verstecken und verschlüsseln können, welche Systeme jenseits der vom Hersteller vorinstallierten Software zur Verfügung stehen oder wie man bei Massenprotesten eine eigene Drohnenstaffel koordiniert.

          Eine Botschaft. Und noch eine

          Hacker sind bei Doctorow Helden. Einmal abgesehen von der Bagage, die sich heimlich in den Laptop von Marcus eingeschlichen hat und über ein Chat-Fenster dicke Backen macht: „Du bist echt so laaaaaaaaaaaahmarschig“, höhnen sie, weil Marcus zögert, die Dokumente allen zugänglich zu machen, ohne sie genauer zu kennen. „Privacy ist von gestern, mach dich locker, Alter“, spotten sie, als er ihnen vorwirft, seinen Rechner gehackt zu haben, obwohl sie angeblich auf seiner Seite sind.

          Welche Pflicht, welches Recht, welche technischen Möglichkeiten haben wir heute, um unsere Rechte zu kämpfen? Vor welchen gesetzlichen und moralischen Grenzen stehen wir dabei? Gründlich und kenntnisreich, idealistisch, packend, gelegentlich pathetisch geht Doctorow diesen Fragen nach. Dass seine Helden dabei mitunter glänzen wie allzu frisch poliert, dass einzig Marcus, der Erzähler der Geschichte, seine Schwächen hat, über die ihm seine Freunde und Verbündeten hinweghelfen, dass manche Nebenfiguren ihre größten Auftritte mit Vorträgen über das Gute haben, während in den Reihen der Finsterlinge kein Lichtblick, nicht einmal ein Grauschimmer auszumachen ist: geschenkt. Das Buch hat eine Botschaft. Und gleich noch eine. Sie kommt von Ange, der Freundin von Marcus, als die beiden, ein Jahr nachdem sie die Daten zugesteckt bekommen haben, beim Burning Man Festival wieder auf dem Weg zum Tempel sind, in dem die Erinnerungen seiner Besucher zuletzt den Flammen übergeben werden: „Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden.“

          Googelt einfach mal

          „Das alles gibt’s wirklich.“ Es ist keine Figur aus dem Roman, die das am Ende des Buchs beteuert, auch wenn er durchaus einer der Helden aus Doctorows Büchern sein könnte: Aaron Swartz hatte schon als Jugendlicher am Programm für den RSS-Feed mitgeschrieben, er hatte „Reddit“ gegründet und mit „Demand Progress“ eine der großen Plattformen für den Widerstand gegen die amerikanischen Gesetzentwürfe Pipa und Sopa entwickelt, deren Umsetzung die Freiheiten im Internet massiv beschnitten hätte.

          Swartz hat für „Homeland“ ein Nachwort geschrieben. „Wenn euch der verschwörungslastige Teil des Buchs zu wild rüberkommt, dann googelt einfach mal“, heißt es da, und: „Was da draußen gerade passiert, ist keine Realityshow im Fernsehen, die ihr euch gemütlich von daheim aus angucken könnt. Hier geht’s um euer Leben, euer Land - und wenn ihr beides schützen wollt, dann müsst ihr euch einmischen.“ Kurz nachdem er das geschrieben hatte, vier Wochen vor Erscheinen des Buchs, konnte Aaron Swartz sein eigenes Leben nicht mehr schützen.

          Er wählte den Freitod. In einem Prozess hatte ihm eine langjährige Haftstrafe gedroht, weil er Millionen von nicht frei zugänglichen Artikeln ins Netz gestellt hatte.

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