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„Homeland“ von Cory Doctorow : Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden

Bild: Heyne

Eine wahre Geschichte aus dem Hackerleben? Cory Doctorows neuer Roman „Homeland“ spielt nicht mit Überwachungsängsten, sondern will Mut machen.

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          Kommt uns das nicht bekannt vor? „Nicht alle bei der Behörde wollen, dass sich Amerika in einen Polizeistaat verwandelt“, lässt der Aktivist und Autor Cory Doctorow eine Figur in seinem Jugendroman „Homeland“ erklären, „manche machen einfach bloß ihre Arbeit: die wirklich bösen Buben fangen, echte Verbrechensbekämpfung, Katastrophenschutz. Doch was sie bei ihrer Arbeit alles mitkriegen, macht sie nicht glücklich. Und manchmal stößt man auf etwas so Schlimmes, dass man sich nicht mehr im Spiegel anschauen kann, wenn man nichts unternimmt. Also kopiert man vielleicht einfach mal ein paar Dateien, sammelt Beweise. Man denkt sich, ,irgendwann wird irgendwer schon was sagen, und dann lass ich ihm das heimlich zukommen, und mein Gewissen ist wieder damit versöhnt, was für eine Schmutzarbeit ich hier mache‘.“

          Die Zeilen lesen sich wie der Versuch, zu begründen, warum Edward Snowden seine Datensammlung über die Überwachungsprogramme der NSA angelegt hat. Doch sie stammen aus einer Zeit, als noch kaum jemand den Namen des jungen Mannes aus North Carolina kannte: Doctorows Jugendroman ist im Februar vor einem Jahr in der Originalfassung erschienen, vier Monate bevor die ersten Dokumente aus Snowdens Bestand an die Öffentlichkeit kamen. Unwillkürlich atmet der Leser auf, wenn er merkt, dass das Buch doch eine andere Wendung nimmt und nicht, wie es in der im Mai 2012 erstmals ausgestrahlten Folge „No Good Deed“ der Fernsehserie „Person of Interest“ geschah, die Geschichte eines jungen Datenanalysten bei der NSA vorwegnimmt, der zum Whistleblower wird. Nicht, dass dem Buch die visionäre Kraft fehlte. Nicht, dass die Techniken, Absichten und Tricks, von denen in „Homeland“ die Rede ist, unrealistisch oder ungebräuchlich wären. Doch statt allgemein Konzept und Einsatz geheimdienstlicher Überwachungsinstrumente zu schildern, beschreibt Doctorow anwendungsbezogen, wie etwa Schüler und Studenten, das Publikum des Autors also, ausspioniert werden. Anstelle des Ohnmachtsgefühls, das sich angesichts der NSA-Enthüllungen leicht einstellt, vermag er, Empörung hervorzurufen.

          Achthunderttausend Dateien: Alles muss raus

          Beim Burning Man Festival, in jener Stadt aus Staub und Flammen in der Wüste Nevadas, wo jedes Jahr im Spätsommer fünfzigtausend Freaks und Feuerkünstler eine Woche lang feiern, trifft Marcus Yallow alte Bekannte. Ihn selbst kennen Doctorows Leser aus dem Buch „Little Brother“, in dem er aus gehackten X-Boxes ein alternatives Netz entwickelt und so den Widerstand gegen die polizeiliche Überwachung in San Francisco organisiert hat, die nach einem Anschlag aus dem Ruder demokratischer Legitimation gelaufen ist. Jetzt, ein paar Jahre später, läuft ihm beim Feiern in der Black-Rock-Wüste nicht nur die ehemalige Geheimdienstmitarbeiterin Masha über den Weg, vor der er im Vorgängerbuch gerade noch hatte fliehen können, sie drückt ihm auch noch ihre Gedanken zu Schmutzarbeit und Gewissen auf und dazu einen USB-Stick in die Hand. Die eindringliche Bitte: Alles, was darauf ist, zu veröffentlichen, wenn sie ein Signal gibt, wenn er ein Jahr lang nichts von ihr hört oder wenn er mitbekommt, dass es sie erwischt hat. Und es erwischt sie schnell.

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