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„Homeland“ von Cory Doctorow : Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden

Cory Doctorow mischt Welt- und Technikerklärung, Hacker-Handreichung und aktivistischen Appell in eine Erzählung über Zugehörigkeit und Eigensinn, Jungsein und Erwachsenwerden. In einer Zeit, in der vielen die Rechner und Programme ihrer Allgegenwärtigkeit zum Trotz unverständlich und unbeeinflussbar erscheinen, erzählt er ausführlich, einladend und nachvollziehbar, wie wir unsere Daten verstecken und verschlüsseln können, welche Systeme jenseits der vom Hersteller vorinstallierten Software zur Verfügung stehen oder wie man bei Massenprotesten eine eigene Drohnenstaffel koordiniert.

Eine Botschaft. Und noch eine

Hacker sind bei Doctorow Helden. Einmal abgesehen von der Bagage, die sich heimlich in den Laptop von Marcus eingeschlichen hat und über ein Chat-Fenster dicke Backen macht: „Du bist echt so laaaaaaaaaaaahmarschig“, höhnen sie, weil Marcus zögert, die Dokumente allen zugänglich zu machen, ohne sie genauer zu kennen. „Privacy ist von gestern, mach dich locker, Alter“, spotten sie, als er ihnen vorwirft, seinen Rechner gehackt zu haben, obwohl sie angeblich auf seiner Seite sind.

Welche Pflicht, welches Recht, welche technischen Möglichkeiten haben wir heute, um unsere Rechte zu kämpfen? Vor welchen gesetzlichen und moralischen Grenzen stehen wir dabei? Gründlich und kenntnisreich, idealistisch, packend, gelegentlich pathetisch geht Doctorow diesen Fragen nach. Dass seine Helden dabei mitunter glänzen wie allzu frisch poliert, dass einzig Marcus, der Erzähler der Geschichte, seine Schwächen hat, über die ihm seine Freunde und Verbündeten hinweghelfen, dass manche Nebenfiguren ihre größten Auftritte mit Vorträgen über das Gute haben, während in den Reihen der Finsterlinge kein Lichtblick, nicht einmal ein Grauschimmer auszumachen ist: geschenkt. Das Buch hat eine Botschaft. Und gleich noch eine. Sie kommt von Ange, der Freundin von Marcus, als die beiden, ein Jahr nachdem sie die Daten zugesteckt bekommen haben, beim Burning Man Festival wieder auf dem Weg zum Tempel sind, in dem die Erinnerungen seiner Besucher zuletzt den Flammen übergeben werden: „Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden.“

Googelt einfach mal

„Das alles gibt’s wirklich.“ Es ist keine Figur aus dem Roman, die das am Ende des Buchs beteuert, auch wenn er durchaus einer der Helden aus Doctorows Büchern sein könnte: Aaron Swartz hatte schon als Jugendlicher am Programm für den RSS-Feed mitgeschrieben, er hatte „Reddit“ gegründet und mit „Demand Progress“ eine der großen Plattformen für den Widerstand gegen die amerikanischen Gesetzentwürfe Pipa und Sopa entwickelt, deren Umsetzung die Freiheiten im Internet massiv beschnitten hätte.

Swartz hat für „Homeland“ ein Nachwort geschrieben. „Wenn euch der verschwörungslastige Teil des Buchs zu wild rüberkommt, dann googelt einfach mal“, heißt es da, und: „Was da draußen gerade passiert, ist keine Realityshow im Fernsehen, die ihr euch gemütlich von daheim aus angucken könnt. Hier geht’s um euer Leben, euer Land - und wenn ihr beides schützen wollt, dann müsst ihr euch einmischen.“ Kurz nachdem er das geschrieben hatte, vier Wochen vor Erscheinen des Buchs, konnte Aaron Swartz sein eigenes Leben nicht mehr schützen.

Er wählte den Freitod. In einem Prozess hatte ihm eine langjährige Haftstrafe gedroht, weil er Millionen von nicht frei zugänglichen Artikeln ins Netz gestellt hatte.

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