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„Homeland“ von Cory Doctorow : Wir können nicht alle hauptberufliche Revoluzzer werden

Mit seinen Freunden stellt er die mehr als achthunderttausend Dateien mit allerlei Sicherheitsvorkehrungen geschützt in einen unzugänglichen Teil des Netzes und beginnt sie durchzusehen. Bald muss er feststellen, dass alles, was er sich ansieht, kurz darauf ohne sein Zutun veröffentlicht wird. Schließlich merkt er, dass sein eigener Laptop das Datenleck ist und Hacker alles lesen, was er aufruft und tippt, während sie ihn über die Webcam beobachten. Doch der größere Schreck erwartet Marcus, als er abends das Büro verlässt, in dem er neuerdings den Wahlkampf „2.0“ eines unabhängigen Kandidaten für den kalifornischen Senat im Netz nach vorne bringen soll: Zwei finstere Gestalten verschleppen und verhören ihn nach Geheimdienstart.

Ein Unternehmen mit ganz eigenen Verfahren

Er entkommt mit gebrochener Nase, dem Versprechen, alle erreichbaren Dokumente für immer gelöscht zu haben, und der Gewissheit, sie jetzt so schnell wie möglich veröffentlichen zu müssen. Doch als endlich alles öffentlich ist, immer noch umständlich, aber doch für alle abrufbar, sind die Reaktionen verhalten. Genauer gesagt, die Enthüllungen werden im Netz heruntergespielt: Uninteressant seien sie, heißt es überall, wahrscheinlich gefälscht. Eine Desinformationskampagne. Von der sich allerdings nicht alle Nutzer beschwichtigen lassen.

Immerhin ist der erste größere Fund in Dokumenten - unter denen sich auch eine Anleitung zum Waterboarding findet, die Produktbeschreibung einer Software, die beim Upgrade von Betriebssystemen und Apps gezielt Computer und Smartphones infiziert, oder die Dateien eines ehemaligen Lehrers, der über die Webcams der Laptops von Schülern in deren Privatleben herumschnüffelt - ein echter Aufreger: Ein Unternehmen, das mit der Sicherung der Nachschubwege für das amerikanische Militär im Irak und in Afghanistan groß geworden ist, vergibt neuerdings Studienkredite. Die Schulden, die junge Leute in Amerika machen, um das College zu bezahlen, überstehen selbst eine Privatinsolvenz und können sich durch Mahngebühren verdreifachen. Zyz hat solche Kredite übernommen und seine ganz eigenen Verfahren, die Schuldner an ihre Zahlungspflicht zu erinnern. Oder unliebsame Schnüffler wie Masha oder Marcus Yallow zum Schweigen zu bringen.

Welt- und Technikerklärung, Appell - und die Liebe

Es kommt, wie es auch im ersten Teil der „Little Brother“-Geschichte gekommen ist: Die Leute gehen auf die Straße, ganz San Francisco ist schließlich auf den Beinen. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, schickt ihre Drohnen und Ballons mit Tränengas über die Menge und setzt deren Smartphones mit einem elektromagnetischen Impuls außer Gefecht. Wer nicht spurt, wird abgeführt, in eine mit Käfigen vollgestellte Halle gefahren, die in den Medien sarkastisch „Hühnerfarm“ genannt wird, festgehalten, verhört und verhöhnt. Marcus ist einer von ihnen.

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