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Reinhard Osteroths „Ein Maler zieht in den Krieg“ : Sonderbar, diese Leinwand aus Militärzeltplanen!

Bild: Aladin

Reinhard Osteroth begleitet den Maler Franz Marc in den Ersten Weltkrieg. Der Autor will zu viel und wagt zu wenig.

          „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“: Es war Max Beckmann, der diese Worte aus dem Felde schrieb. Aber auch andere Maler, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sich und ihre Kunst aus den Konventionen gelöst hatten, waren von der Wucht der Ereignisse gebannt. „Ich bin eben ein Wirklichkeitsmensch“, schrieb Otto Dix später, „deshalb ging ich in den Krieg.“ Und Franz Marc sah ihn als „Fegefeuer des alten, altgewordenen, sündigen Europas“. Die in der Vorkriegszeit notierten programmatischen Sätze des Malers zeigen, dass Marc so oder so von einem großen Wandel träumte - und zwar durchaus in martialischem Ton: „In unserer Epoche des großen Kampfes um die neue Kunst streiten wir als ,Wilde‘, nicht Organisierte gegen eine alte, organisierte Macht. Die gefürchteten Waffen der ,Wilden‘ sind ihre Gedanken; sie töten besser als Stahl und brechen, was für unzerbrechlich galt.“

          Trügerische Hoffnungen in eine unabsehbare Katastrophe; ein für alle Nachkriegsgenerationen unerhörter Optimismus, der sich an den Erlebnissen des Leutnants Marc abnutzt; ein zunehmend zweifelnder Held, der den Krieg, von dem er sich etwas versprach, nicht einmal überlebt: Das ist eine attraktive literarische Konstellation, das sind starke Themen auch für ein erzählendes Jugendbuch.

          Erst einmal der Schlieffen-Plan

          Der Journalist und studierte Historiker Reinhard Osteroth hat sich daran versucht. Und verhoben. Sein Buch „1914. Ein Maler zieht in den Krieg“ verliert sich einerseits zwischen geschichtlichen, militärstrategischen und biographischen Details, bleibt in seiner Darstellung des Künstlers andererseits hinter den erzählerischen Möglichkeiten zurück: Osteroth schreibt, abgesehen von einem auf die letzte Lebensstunde des Malers vorgreifenden Prolog, streng chronologisch. Und er zitiert hauptsächlich aus der Feldpost Marcs an seine Frau Maria, bleibt also auf biographisch gesichertem Terrain - um den Preis der Eindringlichkeit seiner Schilderungen.

          So muss der jugendliche Leser einem Helden, dessen Bekanntheit man nicht zwingend voraussetzen sollte, vom Basteltisch, an dem er als Fünfzehnjähriger über einem Holzschnitt sitzt, über den Militärdienst und das Kunststudium, durch ein erstes Atelier in Schwabing und nach dem Umzug aufs Land folgen, bevor ein erstes Mal ausführlich von seinen Werken die Rede ist, von seiner so fruchtbaren Freundschaft mit Wassily Kandinsky, von der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, von der Empörung, aber auch der Begeisterung, die ihren revolutionären Arbeiten entgegenschlug. Und dann? Kommt ein Kapitel, dass sich mit dem Schlieffen-Plan befasst, jener Angriffsvariante, nach der Deutschland Frankreich nicht an der gemeinsamen Grenze, sondern über die Niederlande, Belgien und Luxemburg angreifen sollte.

          Von Zitat zu Zitat

          Erst danach wird der Leser ein erstes Mal tiefer in die Kunst, die Farbkraft, die Symbolik Marcs hineingeführt. Ohne auch nur ein einziges seiner Bilder gezeigt zu bekommen. Nicht einmal das für das Buch zentrale Gemälde „Tierschicksale“, das Osteroth erst als Waldbrand, dann als Weltenbrand beschreibt und das Paul Klee, nachdem es bei einem Lagerbrand Anfang 1917 zu einem Drittel vernichtet worden war, nach seiner Rückkehr aus dem Krieg restaurierte. Stattdessen zieren gut zwanzig ganzseitige Bilder des Comic-Zeichners Reinhard Kleist das Buch: farbintensive, gut komponierte Arbeiten, denen doch mitunter das Gewicht fehlt - so bei der in Lilatönen gehaltenen Darstellung des Attentats von Sarajevo, in dem ein fliegender Sonnenschirm und ein eher verwundert als entsetzt wirkender Soldat der Szene etwas ungewollt Leichtes geben.

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