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Peter van Gestels Jugendroman „Wintereis“ : Du siehst idiotisch aus!

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Bild: Beltz & Gelberg

1947, im Nachkriegs-Amsterdam: Thomas Mutter ist an Typhus gestorben, Bets Vater und Zwaans Eltern sind im Konzentrationslager umgekommen. Peter van Gestels Jugendroman „Wintereis“ bleibt einem als zarte Freundschaftsgeschichte in Erinnerung. Obwohl das Buch eigentlich tieftraurig ist.

          Es gibt einen Moment in „Wintereis“, da ist alles gut: Als Thomas nachts zusammen mit Zwaan und Bet in einem Doppelbett liegt, unter dicken Oberbetten, bei Kerzenschein, während der Morgen noch weit weg ist. Thomas und Zwaan sind 12, Zwaans Kusine Bet ist 14 Jahre alt – da liegt man eigentlich nicht zusammen im Bett, 1947, im Nachkriegs-Amsterdam. In dieser Nacht ist das egal. Die spröde Bet ist zu den Jungen ins Bett gekrochen, weil sie allein und böse auf sich selbst ist, nach einem Streit mit ihrer Mutter. Vorhin noch wollte sie deshalb sterben.

          Peter van Gestels Jugendroman bleibt einem als zarte Freundschaftsgeschichte in Erinnerung. Obwohl das Buch eigentlich tieftraurig ist. Thomas Mutter ist an Typhus gestorben, Bets Vater und Zwaans Eltern sind im Konzentrationslager umgekommen. Die überlebenden Erwachsenen sind so sehr in ihren traumatischen Erfahrungen verfangen, dass die Kinder sehen müssen, wie sie zurechtkommen. Auch Thomas Freundschaft mit Zwaan dauert nur einen kalten Winter. Dann wandert Zwaan nach Amerika aus.

          Unbewusst wissen sie um ihre Seelenverwandtschaft

          Vor diesem Hintergrund erzählt van Gestel, wie heilsam die Begegnung mit jemandem sein kann, der einen versteht. Dass Unglück und Glück dann zwei Seiten einer Münze sind. Dass Glück gerade hell glänzt, wenn es nicht selbstverständlich ist. So gehen der Ich-Erzähler Thomas und Zwaan miteinander um wie zwei Menschen, die sich auf den ersten Blick verlieben. Keiner der beiden könnte sagen warum, doch unbewusst wissen sie um ihre Seelenverwandtschaft. Zu Beginn der Geschichte kommt Thomas auf der Straße Zwaan entgegen, der Neue in der Klasse. Sie reden kurz miteinander, verabschieden sich. Als Thomas sich noch einmal umschaut, sieht er Zwaan, der weitergeht. „Er schaute auch über die Schulter und sah mich mutterseelenallein auf der Straße.“

          Van Gestel schreibt knappe, starke Dialoge, in denen die Vertrautheit der Jungen deutlich wird. Nach und nach tasten sie sich vor, können sich zumindest Bruchstücke ihres Schmerzes erzählen. Ihre Gespräche über Leben und Tod wirken nie altklug – sie haben Erfahrungen gemacht, für die sie viel zu jung sind. Auch Bet ist für ihre 14 Jahre schon viel zu erwachsen. Sie führt den Haushalt, weil ihre Mutter vor sich hin kränkelt. Thomas schwankt zwischen Scheue und Faszination. Als Bet im Schnee tanzt, verrückte Runden dreht und schrecklich lacht, ist er verknallt in sie wie noch nie in ein Mädchen. Und ruft: „Du siehst idiotisch aus.“

          Jeder der drei hat eine Geschichte, die er erzählen muss. Dennoch bleibt vieles unausgesprochen. Dadurch ist es nicht weniger präsent. Thomas hat zwar eine verhalten liebevolle Beziehung zu seinem Vater, einem chaotischen Künstlertypen, aber keine Worte dafür, wie sehr ihm seine Mutter fehlt. Das ist das Berührendste an diesem Buch: Van Gestels Kunst, durch Ungesagtes das Unsagbare zu sagen. Hinter den Worten des Autors wird immer wieder spürbar, wie sehr er seine verwilderten Helden mag. Und wie ernst er sie nimmt. Dazu gehört auch, dass er kein Happy End hinbiegt. Thomas bekommt einen sehr langen Brief von Zwaan aus den Vereinigten Staaten, den er mehrmals am Tag liest. Das ist alles.

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