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Peter Schössows „Wo ist Oma?“ : Irrläufer im Krankenhaus

Peter Schössow: „Wo ist Oma?“ Zu Besuch im Krankenhaus. Hanser Verlag, München 2016. 64 S., geb., 17,- €. Ab 6 J. Bild: Hanser Verlag

Peter Schössow hat für sein neues Bilderbuch einen Handlungsort gewählt, auf den man im wahren Leben gern verzichtet. In „Wo ist Oma?“ aber zeigt er sich sympathisch.

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          Nennen wir es Querschnitt, was Peter Schössow da macht. Für sein neues Bilderbuch hat er dreißig doppelseitige Illustrationen angefertigt, und da der Band quadratisch ist, kommt dabei ein ganz schönes Breitwandformat heraus, auf dem wir bei jedem Umblättern neue Einblicke in den Alltag eines Krankenhauses bekommen, einen Querschnitt durch den ganzen Betrieb, allerdings ohne Operationen. Denn wir nehmen als Betrachter die Blickhöhe eines Kindes ein: des Ich-Ezählers, eines vielleicht sechsjährigen Jungen namens Henry. Er ist kein Patient, sondern Besucher, denn Henrys Oma ist vor kurzem eingeliefert worden. Also macht der Junge sich mit seiner kurdischen Babysitterin Gülsa auf den Weg ins Spital.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Spielt es eine Rolle, dass Gülsa Kurdin ist? Nicht für die Geschichte und nicht für Henry. Sie trägt einen Hidschab, aber sonst benimmt sie sich wie jede andere junge Frau in unserer Gesellschaft, und gerade das ist wichtig. Schössow gelingt in seinem Bilderbuch nicht nur eine wunderbar kindgerechte Einführung in den Krankenhausalltag, dessen notwendig aseptische Umgebung in den fahlen Farben und flächigen Zeichnungen, die Schössows Markenzeichen sind, perfekt zur Darstellung kommt, sondern auch noch das Porträt einer in jeder Hinsicht vielgestaltigen und toleranten Welt. Es läuft alles glatt in dieser Geschichte. Das werden junge Leser ihr danken, denn sie lieben Bücher, die gut ausgehen.

          Nur in die Operationssäle kommt er nicht

          Dabei fängt alles schlecht an. Nicht nur, dass die Oma im Krankenhaus liegt, sondern Henry geht auch sofort nach der Ankunft verloren - Gülsa hat noch kurz ein wichtiges Telefonat unter Freundinnen zu erledigen, und der Junge weiß, wie lange das dauern wird. Also geht er schon mal vor. Und eben verloren.

          Aber das merkt er gar nicht, und wir, die wir mit ihm durchs riesige Großstadtkrankenhaus ziehen, merken es auch nicht. Wir wissen ja genau, was er sucht: die Oma. Nur leider kennt Henry deren Nachnamen nicht, was zu einer Odyssee führt, in deren Verlauf wir mit Ausnahme der Operationssäle, in die ein kleiner Junge nicht hineinkommt, so ziemlich alles kennenlernen, was über Treppen und mittels Aufzügen in einem Klinikum zu erreichen ist. Alle Menschen, denen Henry begegnet, erweisen sich als auskunftsfreudig - egal, ob Personal oder Patienten.

          Undramatisch – besser geht es nicht

          So hören wir ihren Krankengeschichten, Behandlungsschilderungen, Ärztewitzen und Stellenbeschreibungen zu, alles deshalb kindgerecht, weil Schössow genau jenen Erzählton trifft, den kluge Erwachsene gegenüber Kindern anschlagen, wenn sie etwas erklären wollen. Und klug sind alle auch, denen Henry begegnet. Bis auf die gleichaltrige Dakota, die Henry aus der Kita kennt und die er hier als Patientin trifft, die auch ihre Krankengeschichte loswerden will: „Ich will weg, aber Dakota lässt nicht locker: ,Ich sag’s dir, wenn du schwörst, dass du’s nicht weitererzählst. Also: geschwört?‘ Ich bin jetzt doch neugierig: ,Geschwört!‘ ,Ich habe eine Bohne in der Nase, aber frag bloß nicht, wie die reingekommen ist!‘ Das würde mich schon interessieren, aber ich frag lieber nicht.“

          Auch Peter Schössow selbst ist klug. Da heißt etwa der dritte Mann in einem Krankenzimmer „Herr Lime“, und ein gerade eingeliefertes Unfallopfer fragt sich, was wohl seine Bekannten Wladimir und Estragon machen werden, die irgendwo auf ihn warten. Jede Doppelseite hat eine abgeschlossene Episode zu bieten, und wir könnten endlos mit Henry durchs Spital weiterstrolchen, doch irgendwann wird er vermisst, und plötzlich ist man auf der Suche nach ihm. Aber auch das läuft so selbstverständlich ab, dass nie Dramatik aufkommt, und etwas Besseres kann man ja kaum über eine Klinik sagen. So zeigt Peter Schössow ein Krankenhaus von seinen besten (Doppel-)Seiten.

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