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„Paul, das Hauskind“ von Peter Härtling : Die Sehnsucht eines Sorgenkinds

Bild: Beltz & Gelberg

Wo sind die Eltern? Paul, knapp dreizehn Jahre alt, findet bei den Nachbarn, was er in der Familie vermisst. Die Grenzen dieser Fürsorge auf beiden Seiten zu zeigen, das ist das große Verdienst von Peter Härtlings neuem Kinderroman.

          Natürlich klingt das wie eine tröstliche Utopie: Ein Junge, knapp dreizehn, wird von seinen Eltern habituell allein gelassen. Doch das macht nichts, denn sämtliche Nachbarn des Mietshauses im Frankfurter Bahnhofsviertel kümmern sich um Paul, der dadurch zum romantitelgebenden „Hauskind“ avanciert. Und alles wird gut.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass nichts wirklich gut ist in dieser Geschichte, die Peter Härtling mit Stil, Geschick und durch sprachliche Distanz verhüllter Anteilnahme erzählt, wird man dem Autor hoch anrechnen. Denn auch wenn sich die Mieter in unterschiedlicher Weise, aber durch die Bank engagiert um Paul kümmern, macht Härtling doch auch schnell die Grenzen klar, in denen sich diese Fürsorge notwendig bewegen muss. Auf Seiten der Mieter, die bei aller Liebe je ihr eigenes Leben führen, verreisen, krank werden oder auch mal mit den Folgen eines Wohnungsbrandes zu kämpfen haben. Und natürlich auf Seiten Pauls, der sich seine Eltern herbeiwünscht und dabei seine Sehnsucht in Aggression kleidet, wo sie in Enttäuschung umschlägt.

          Zu viel für eine Hausgemeinschaft

          Härtlings Experiment geht also nicht von der Hausgemeinschaft und ihrer tatsächlich immensen Gutherzigkeit aus, sondern von einem Verlust, den es auszugleichen, einer Not, die es zu lindern gilt. Und liest man das Buch auf diese Weise, dann wird man nicht leicht seinen Frieden machen mit all dem, was hier geschildert wird: Wie soll sich ein Kind verhalten, das eine Sechs nach Hause bringt und niemanden hat, der ihm den Brief der Lehrerin unterschreibt? Das auf die E-Mails seiner Mutter wartet, als gäbe es nichts anderes, und dann mit Zeilen abgespeist wird, die von der Schönheit New Yorks erzählen und davon, dass das leider wirklich keine Stadt für Kinder sei?

          Am Ende muss Paul damit klar kommen, dass sich seine Eltern scheiden lassen. Und damit, dass sein Vater all dem nicht mehr gewachsen ist und einige Zeit in der Psychiatrie verbringen muss. Derlei gleicht keine Hausgemeinschaft aus, sicher. Aber sie kann es ja wenigstens versuchen.

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