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Bilderbuch von Oren Lavie : Harry Rowohlts letztes Übersetzerwort

Oren Lavie: „Der Bär, der nicht da war“. Illustriert von Wolf Erlbruch. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Kunstmann Verlag, München 2014. 48 S., geb., 16,95 €. Ab 6 J. Bild: Kunstmann

Um den deutschen Text hat sich einer der großen Kinderbuchübersetzer gekümmert, um die Bilder der größte lebende Illustrator des Landes. Dabei stammt „Der Bär, der nicht da war“ von einem Bilderbuch-Debütanten.

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          Als Harry Rowohlt am 15. Juni 2015 starb, hinterließ er neben seinen Kolumnen, Briefen und Lesungsmitschnitten vor allem ein großes Übersetzungswerk, und nicht der kleinste Teil darin hatte Kinder- und Jugendbücher zum Gegenstand. Seine deutsche Fassung von A. A. Milnes „Pu der Bär“-Büchern ist ebenso berühmt wie die von Kenneth Grahames „Der Wind in den Weiden“, und Shel Silversteins „Lafcadio“ oder Andy Stantons „Mr Gum“-Reihe waren gleichfalls erfolgreich wie auch schon Alexander S. Neills „Die grüne Wolke“, mit der Rowohlt 1971 seine Übersetzerkarriere begann. Dieses Buch illustrierte damals kein Geringerer als F. K. Waechter.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Rowohlt war fasziniert von guten Zeichnern, und so ließ er sich als bereits schwerkranker Mann nicht davon abhalten, noch ein Buch zu übersetzen, das von Wolf Erlbruch illustriert werden sollte. Der heute siebenundsechzigjährige Künstler ist der bekannteste lebende deutsche Illustrator, seine Kinderbücher wie „Der kleine Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hatte“, oder „Ente, Tod und Tulpe“ sind weltweite Erfolge des Veteranen. Der 1976 geborene israelische Sänger und Dramatiker Oren Lavie dagegen ist ein Buch-Debütant. Doch sein Text „Der Bär, der nicht da war“ ist wie auf Erlbruch zugeschnitten: des an den „Maulwurf“ erinnernden Titels wegen, und weil Bären im Bilderbuchwerk Erlbruchs zentral sind; man denke nur an „Die fürchterlichen fünf“, „Das Bärenwunder“, „Nachts“ und „Olek schoss einen Bären“.

          Eine veritable Vorzeigefigur

          Dass Orens Geschichte gegenüber all diesen Vorläufern abfällt, ist die schlechte Nachricht. Nach einem wunderbar dadaistischen Auftakt, der aus einem Juckreiz den Bären entstehen lässt, wird der Text immer mehr zur Pu-Paraphrase, die mit den aus Milnes Büchern nur zu gut vertrauten Paradoxa und Skurrilitäten arbeitet.

          Genau deshalb aber - dies die erste gute Nachricht - ist Harry Rowohlt der richtige Übersetzer, denn er sorgt für den tatsächlich genau angemessenen Ton. Und - zweite gute Nachricht - Wolf Erlbruch erweist sich als Illustrator auf der Höhe seines Könnens. Erstmals lässt er in einem Bilderbuch deutliche Computerbearbeitungsspuren - bewusst ausfransende Scans von Blüten, verschwimmende Farbflächen - stehen, wodurch aber die Gestalt des Bären in ihrem spontan gezeichneten Duktus umso brillanter hervortritt. Und mit dem Vorletzten Vorzeige-Pinguin gelingt Erlbruch in nur einem Bild eine veritable Vorzeigefigur.

          Dank Rowohlts immer an der eigenen Vortragskunst geschultem Duktus ist „Der Bär, der nicht da war“, aber vor allem ein wunderbares Vorlesebuch. Es ist zugleich das Vermächtnis eines Schriftstellers, dessen Übersetzungen zu den unverrückbaren Meilensteinen kindlicher Lektüren gehören - und das für mehrere Generationen.

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