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Angie Thomas’ „On the Come Up“ : Die Not, die Wut, der Widerstand

Eine der Heldinnen der Hauptfigur: Missy Elliott im Juli 2015 bei einem Konzert in New Orleans Bild: Picture-Alliance

„Ich werde nicht das Vorzeigemädchen dieser Aktion sein“: Wer glaubt, Angie Thomas hätte mit ihrem Debüt „The Hate U Give“ alles gesagt, sollte ihren neuen Jugendroman „On the Come Up“ lesen.

          Es waren nur Süßigkeiten, die Brianna auf dem Schulhof verkaufen wollte: ein klarer Verstoß gegen die Schulordnung, klar, aber kein Grund, das sechzehn Jahre alte Mädchen bei der Kontrolle am Eingang zu Boden zu werfen, sie mit Kabelbindern zu fesseln und im Büro der Direktorin auf seine Mutter warten zu lassen. Noch nicht einmal für die Taschenkontrolle, der sich Brianna widersetzte, gab es einen Anlass, durch den Detektor war sie ohne Piepen gekommen. Dass es Tate und Long, die beiden Wachmänner, dennoch auf sie abgesehen hatten, kann nur einen Grund haben: Briannas Hautfarbe und Herkunft.

          Dabei lässt die Midtown School of the Arts Brianna und die anderen schwarzen Jugendlichen aus Garden Heights extra im Schulbus abholen, eine „Diversitäts-Initiative“, für die es staatliche Fördermittel gibt. Was ihnen die Ungleichbehandlung in der Schule selbst allerdings nicht erspart: Schon wenn sie genervt gucken, gilt das als „aggressives Verhalten“. Den weißen Mitschülern wird das nicht groß zum Vorwurf gemacht. Auch bei den Kontrollen wird immer wieder klar, dass die Schwarzen und die Latinos unter besonderer Beobachtung stehen.

          Wer „On the Come Up“, den zweiten Jugendroman von Angie Thomas, liest, kann nur staunen, mit welcher Genauigkeit die gleich mit ihrem Debüt „The Hate U Give“ berühmt gewordene Autorin sich kleinen Skizzen des alltäglichen Rassismus widmet, wie fein zusätzlich die Szenen gezeichnet sind, in denen es um Freundschaft und Vertrauen, um Verletztheit und Verantwortungsbereitschaft geht, also um Gefühle in einem Spannungsfeld, das auch den jugendlichen Lesern weitab der amerikanischen Hood vertraut sein dürfte, in der die beiden Bücher spielen. Wo es Angie Thomas doch im Großen um den Kreislauf, schlimmer noch, um die Spirale von Kriminalität und Gewalt geht, an denen schwarze Wohnviertel wie ihr Garden Heights leiden, um den Zusammenhang von Armut und Abhängigkeit.

          Eine Art Prinzessinnenstatus in Garden Heights

          In ihrem Debüt, dessen Verfilmung am Donnerstag in die Kinos kommt, erzählt sie von Khalil, der unbewaffnet bei einer Verkehrskontrolle von einem weißen Polizisten erschossen wird, vor allem aber von Starr, die auf dem Beifahrersitz sitzt, als das passiert, und sich entscheidet, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. So packend und so klar war „The Hate U Give“ erzählt, dass man bei aller Achtung vor dem Roman das Gefühl haben konnte, hier habe eine Autorin ihre eigene Geschichte erzählt, und die Sorge, ein zweites Buch könnte in seiner Eindringlichkeit doch deutlich abfallen. Oder aber unter Erfolgsdruck überzeichnet wirken, zumal erste Hinweise der Autorin, sie würde die Geschichte einer jugendlichen Rapperin erzählen wollen, nach reichlich Farbstoff klangen. Und laut, schnell und bunt geht es tatsächlich zu im neuen Buch, nur ist es gleichzeitig so nuanciert, sorgfältig und fein gezeichnet, dass kein Zweifel mehr am Format der Schriftstellerin Angie Thomas bestehen kann.

          Ihr zweites Buch zeigt sie als Erzählerin von Format: Angie Thomas

          Hatte sich Starr noch, von einigen Selbstzweifeln abgesehen, vorrangig gegen äußere Widerstände durchsetzen müssen, trägt Brianna jetzt ein gutes Set an Widersprüchen in sich selbst: Als Tochter des vor Jahren von Gang-Mitgliedern erschossenen Untergrund-Rappers Lawless genießt Bri eine Art Prinzessinnenstatus in Garden Heights. Sie hat nicht nur „seine Grübchen, sein Lächeln, sein Temperament, seine Sturheit“ geerbt, sondern auch sein Talent zum Rappen. Das führt zu einigen Erwartungen, als sie zum ersten Mal zum Battle in den Ring steigt und es prompt mit Milez zu tun bekommt, dem Sohn von Supreme, dem einstigen Manager von Lawless.

          Auf der Straße hören sie eine andere Botschaft

          Bri lässt sich von ihm mit ein paar Anspielungen auf ihren Vater provozieren, findet aus der Sprachlosigkeit zu einer Freestyle-Antwort, die Milez platt macht und dessen Vater auf die Idee bringt, das Mädchen groß rauszubringen. Was nicht nur Bris künstlerischen Ambitionen schmeichelt, sondern ihr auch in einer Notlage entgegenkommt: Ihre Mutter hat gerade ihren Job verloren und weiß jetzt nicht, wie sie Essen und Strom und Miete bezahlen soll. Als ehemalige Drogenabhängige fürchtet sie zudem, so schnell nicht wieder Arbeit zu finden. Der ältere Bruder ist nach seinem Psychologieabschluss fürs Erste nur in einer örtlichen Pizzeria gelandet.

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