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Angie Thomas’ „On the Come Up“ : Die Not, die Wut, der Widerstand

Angie Thomas: „On The Come Up“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner. CBJ, München 2019. 512 S., geb., 18,– Euro. Ab 14 J.

Jetzt winkt das große Geld. Es ist vor allem Bris Energie, ihre Wut, die Idee, sie mit dem Image einer ratchet hood rat zu vermarkten, die Supreme sieht. Und es ist an Brianna, sich dagegen zu wehren. Ihren ersten eigenen Song hat sie noch ohne ihn gemacht: eine fauchende Antwort auf alle Verdächtigungen, Verzerrungen und Klischees, mit denen sie als Jugendliche aus der Hood leben muss, unter dem Eindruck der Brutalität der Schulwachmänner, ins Netz gestellt gegen den Rat ihrer besten Freunde – und ihrer Tante, die als Gang-Mitglied und Dealerin schon ahnt, dass auf der Straße statt der Feinheiten eines „Ihr glaubt, ich wäre“ ein Bekenntnis zu Gegenwehr und Gewalt gehört werden wird. Auch besorgte Eltern aus Midtown hören den Song als Provokation und lancieren eine Petition zu seinem Verbot, während die Schulkameraden aus der Hood Brianna dazu drängen, der Veröffentlichung eines Videos zuzustimmen, das sie von Bris Misshandlung durch die Wachmänner gedreht haben.

In den Nächten ruft sie doch nach ihr

Sie wolle nicht das Vorzeigemädchen der Proteste gegen den Rassismus an der Schule sein, schleudert Bri ihren verständnislosen Freunden entgegen. Und dieses Wort, Vorzeigemädchen, fasst den einen Konflikt der sechzehn Jahre alten Heldin genau, schließlich wollen nicht nur ihre Kameraden sie zu etwas machen, das sie nicht sein will, sondern auch der Manager. Die einen bieten Freundschaft und Geborgenheit, der andere Geld und Ruhm. Bri weiß genau, dass sie seinem Angebot gegen den Willen, gegen die Ansagen ihrer Mutter folgt. Und sie glaubt, es tun zu müssen, um ihre Familie zu retten. Das heißt auch: um ihre Mutter davor zu bewahren, in ihrer Verzweiflung noch einmal in die Drogensucht abzurutschen. Das ist der andere Konflikt: eine Selbstüberforderung, eine Bürde, die Bri sogar noch heimlich trägt, die sie in die Lüge drängt und in die Klemme bringt, als sie Stück für Stück vor ihrer Mutter mit ihrer Rap-Karriere auffliegt.

Die Trennung durch die Drogensucht, gestehen sich Mutter und Tochter einmal im Auto vor dem Haus der Großeltern, war für beide Seiten traumatisch: Für Jay hatte die Kraft nur noch gereicht, ihre beiden Kinder bei den Schwiegereltern abzugeben. Für Bri reicht es danach nicht mehr, ihre Mutter „Mom“ zu nennen. Dass ihre Mutter in den Nächten nach ihr sieht, in denen Bri, im Traum in der Kindheitserinnerung gefangen, nach ihr ruft, erfährt das Mädchen erst jetzt.

Ein großes Herz und eine große Klappe

Was die beiden trennt, was sie aneinander haben und wie sie mit ein paar unscheinbaren Bewegungen aus der Verkantung kommen, in der sie feststecken, ist nur ein Beispiel in einer ganzen Reihe von Beziehungen in diesem Buch, über die sich zunächst der Schatten von Vorwurf und Verletztheit legt. Dass keine der Szenen rührselig wirkt, liegt auch an der Härte der Umstände, in denen sich die junge Heldin behaupten muss.

Und am Ton, mit dem sie von sich erzählt: Angie Thomas’ Bri hat ein großes Herz und eine große Klappe. Die Bissigkeit, mit der sie die Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter wiedergibt und kommentiert, die Zartheit, mit der sie immer wieder unvermittelt auf ihre Freunde schaut, die Unmittelbarkeit, mit der sie so unterschiedliche Gefühle wie Trotz und Rührung, Angeödetsein und Attraktion in Worte kleidet, das weit über den - taktvollerweise nicht aus dem amerikanischen Original übersetzten - Sprechgesang hinausreichende Gefühl für Pointe und Rhythmus machen „On the Come Up“ zu einer hinreißenden Lektüre. Und sie sorgen auch dafür, dass die jugendlichen Leserinnen und Leser hierzulande nicht nur in eine faszinierende, fremde Welt blicken, sondern sich auch immer wieder selbst in diesem Buch erkennen können.

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