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Ole Könneckes „Desperado“ : Das Abenteuer liegt um die Ecke

Bosheit und Gewalt allein bringen niemanden weiter: Mit dem listigen Pferd und dem treuen Freund haben die Entführer der Kindergärtnerin nicht gerechnet. Bild: Ole Könnecke/Carl Hanser Verlag

Ein bisschen Selbstüberschätzung ist erlaubt: Um die Kindergärtnerin zu retten, nehmen es Ole Könneckes Held Roy und sein Pferd Desperado mit den schlimmsten Schurken auf.

          3 Min.

          Aufregende Zeiten für Roy und sein treues Pferd Desperado. Da hat der Cowboy einmal verschlafen und reitet zu spät in den Kindergarten, schon ist das Unglück geschehen: Heidi, Roys sehr, sehr nette Kindergärtnerin, ist von einer Gruppe Banditen entführt worden! Auch Black Bart, deren Anführer, findet Heidi nämlich ziemlich nett und möchte sie heiraten. Aber das will Heidi auf gar keinen Fall! Den Banditen ist das egal, sie haben den Kindergarten verwüstet, die Schaukel zerrissen, die Kekse geklaut und Heidi einfach mitgenommen. Das können Roy und Desperado nicht auf sich sitzen lassen. Und so machen sich die beiden auf den Weg. Sie werden ihre Kindergärtnerin befreien und die Kekse wiederbekommen.

          Eigentlich müsste man sagen: Desperado wird Heidi befreien und sein Reiter wird ihm dabei helfen. Roy mag zwar ein ganz guter Spurenleser sein, aber der richtige Retter ist dann doch sein Pferd. Desperado ist, wie Lucky Lukes Jolly Jumper, kein ganz normaler Gaul, sondern ein verlässlicher Freund und ein Charakter für sich. Nicht nur besitzt er eine ausdrucksstarke Mimik, mit der er alle anderen Figuren in den Schatten stellt. Er hat auch die Situation stets im Griff. Wie lang hätte Roy wohl noch geschlafen, wenn nicht Desperado irgendwann zum Fenster hereingeschnaubt hätte? Wahrscheinlich wäre Heidi da längst verheiratet gewesen. Und die Idee, einen Tunnel zu graben, als Fluchtweg aus der Hütte, in der die Kindergärtnerin festsitzt, die kam natürlich auch von Desperado. Man stelle sich vor, wie lang Roy hätte graben müssen, ohne Hufe!

          Diesen Dreh braucht es, sonst wäre Ole Könneckes Kinderbuch „Desperado“ ein klassischer Western geworden. Frau wird von bösen Männern entführt, ein guter Mann muss sie retten. Doch Desperado ist ja kein Mann, sondern ein Pferd, und Roy ein kleiner Junge, der neben seinem ganz normalen Alltagszuhause – die Eltern arbeiten, abends gibt es Essen – ein aufregendes Leben im Kindergarten führt. Wenn Roy morgens die grünen Hügel verlässt und dorthin trabt, dann verwandelt sich die Landschaft in eine karge Wüste, in der der Kindergarten als grüne Oase aufleuchtet.

          Das Gegenteil von Wimmelbildern

          Dass die Prärie drumherum so leer und farblos ist, hat durchaus seine Berechtigung. Erstens muss es im Wilden Westen nun mal so aussehen und zweitens kann eine Leere auch gefüllt werden. Mit Abenteuern zum Beispiel. Was wäre ein echter Cowboy, würde er die nicht erleben? Dabei sind die Lesenden stets mit dabei, können die Fährten in den sparsamen Zeichnungen Könneckes mitentdecken und sich fragen, was wohl sonst noch so passiert in dieser Wüste. Wer zieht im Horizont seine Kreise? Wem haben die Aasgeier zuletzt aufgelauert? Und was hat die kleine grüne Eidechse heute schon alles beobachtet? Kein Detail ist bei Könnecke überflüssig, gerade deshalb gibt es so viel zu sehen. Denn im Kopf ist schließlich immer eine Menge los.

          Ole Könnecke: „Desperado“. Ein Western. Carl Hanser Verlag, München 2019. 36 S., geb., 14,– Euro. Ab 3 J.

          Es ist ein Markenzeichen des Zeichners und auch des Erzählers Ole Könnecke, weder seine Bilder noch seine Geschichten zu überfrachten. Die Farben, die er in „Desperado“ verwendet, lassen sich, so meint man beim Anschauen, fast an einer Hand abzählen. Und seine großzügigen Flächen sind das Gegenteil von Wimmelbildern. Das macht sie nicht weniger faszinierend. Denn Ole Könneckes Figuren können, ähnlich wie Comicfiguren, mit wenigen Strichen alle erdenklichen Gesichtsausdrücke annehmen und schon allein dadurch eine Menge Geschichten erzählen. Es braucht wenig Text, um zu verstehen, was vor sich geht. Und auch, um zu begreifen, dass die Einfachheit von Text und Bild nur eine scheinbare ist.

          Ein dezentes Maß an Selbstüberschätzung

          Seine Anton-Reihe, mit der Könnecke zunächst bekannt wurde und die ein wenig an die „Peanuts“ erinnert, schildert das Leben eines kleinen Jungen und seiner Freunde: Anton harkt Laub, Anton streitet sich, Anton zaubert. Es ist der Alltag eines Kindergartenkindes. Doch wenn Anton sich für einen tollen Hecht hält, weil er einen Eimer und ein riesengroßes Spielzeugauto hat, die Aufmerksamkeit der Mädchen aber trotzdem erst dann auf sich zieht, wenn er weint, weil er sie eben nicht bekommt, ist das auch für Erwachsene sehr lustig.

          Auch „Desperado“ erzählt nur vordergründig eine Cowboy-Geschichte. Vielmehr zeigt Könnecke, wie wir alle uns jeden Tag in eine aufregendere Welt träumen und darin zum Helden oder zur Heldin des eigenen Lebens werden. Ein dezentes Maß an Selbstüberschätzung sei in der Phantasie schließlich erlaubt.

          Wann immer wir wollen

          Während seine Kindergartenfreunde recht ängstlich in der Ecke stehen und sich offenbar rein gar nicht zu helfen wissen, ist Roy der einzige Cowboy weit und breit. Klar, dass nur er und Desperado Heidi retten können! Und weil man im Kopf alles kann, muss man auch keine Angst vor Banditen haben, sollten sie auch in der Überzahl sein. Black Barts schmales Oberlippenbärtchen ist ohnehin, seien wir ehrlich, einigermaßen lächerlich.

          Weil Roy sich seine eigene Welt vorstellt, wird jeder Tag aufregend und Heidis Rettung nur eines seiner zahlreichen Erlebnisse. Als er abends von seinem Abenteuer zurückkehrt und seine Eltern ihn fragen, wie es denn so gewesen sei im Kindergarten, antwortet Roy: „Och, eigentlich wie immer.“ Desperado blickt uns verschwörerisch entgegen. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir schließlich wann immer wir wollen eine ganze Menge erleben.

          Ole Könnecke: „Desperado“. Ein Western. Carl Hanser Verlag, München 2019. 36 S., geb., 14,– Euro. Ab 3 J.

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