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Nikolaus Nützel: „Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg“. : Der Großvater aller Dinge

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Man muss nicht jede Position teilen

Waren diese jungen Männer Helden? In dem Kapitel „Was ist ein Held?“ geht Nützel der Frage nach, was es zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten bedeutete und bedeutet, ein Held zu sein. Wenngleich es ihm einerseits angesichts unzähliger „zerfetzter Menschenleiber“ höchst zweifelhaft erscheint, dass die Schlacht von Verdun viel mit Heldentum zu tun hatte und ihm Heldentum heute überhaupt suspekt ist, räumt er andererseits ein, in jüngeren Jahren selbst „romantische Fantasien vom heldenhaften Kampf“ gehabt zu haben. Dabei bezieht er sich auf seine Verehrung Che Guevaras und die Kampagne „Waffen für El Salvador“, für die er selbst Geld gesammelt habe. Dass er nun „europäische Kriegshelden“ und „lateinamerikanische Revolutionshelden“ mal eben über einen Kamm schert ist genauso verkürzt, wie die Forderungen der Bolschewiki in Russland einfach als „Spinnerei“ abzutun, wie er es an anderer Stelle tut.

Man muss seine Positionen jedoch nicht ausnahmslos teilen, um sich darüber zu freuen, dass Nützel sie in einem Geschichtsbuch für Jugendliche so explizit zum Ausdruck bringt und dabei auch mehrmals eigenes Unwissen vor Beginn der Recherchen zu seinem Buch zugibt. Damit macht er nicht nur die Perspektive kenntlich, von der aus er auf den Krieg blickt, sondern er dekliniert zugleich immer wieder an seinem eigenen Beispiel durch, „was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat“, wie es im Untertitel heißt.

Woher der Reichtum kommt

Freilich richtet der Autor sein Augenmerk aber nicht nur auf Parallelen und Auswirkungen des Krieges, die ihn unmittelbar selbst betreffen. Beginnend bei der bis heute unterschiedlichen Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen in Ost- und Westdeutschland, die Nützel auf den Ersten Weltkrieg und seine Folgen zurückführt, über die Herleitung von Redewendungen wie „treulose Tomate“, „Grabenkrieg“ und „08/15“ aus dem Ersten Weltkrieg bis hin zu dem ausführlichen Kapitel mit der Überschrift „Krieg als Geschäft“ über die Ursprünge des Vermögens der heute reichsten Deutschen im Ersten Weltkrieg zeigt der Autor auf vielfältige Weise, inwiefern der Krieg bis heute fortwirkt.

Anstatt sich in Details über den jahrelangen Kampf an der Ostfront zu verlieren, erklärt Nützel in den knappen Kapiteln des übersichtlichen Buches konzise und verständlich unter anderem „die Aufteilung der Welt“ in Kolonialreiche, die Russische Revolution als „Umsturz, der die Welt veränderte“, und „vergessene Gefechte“ wie den Völkermord an den Armeniern im Kontext des Ersten Weltkriegs.

So wurde darüber noch nie geschrieben

Insgesamt beinhaltet das Buch 21 Kapitel, die jeweils zwischen drei und neun Seiten umfassen. Die einzelnen Kapitel sind farblich voneinander abgesetzt; Fotos, Zeichnungen, Karten, Tabellen und Infokästen lockern den Text auf. Das Buch ist gestaltet wie ein gutes Schulbuch, übersichtlich und lesefreundlich mit vielen Absätzen und Bildern. Vor allem aber weiß der Autor, dass es nicht genügt, Informationen zusammenzutragen, wenn man Jugendliche erreichen möchte.

Man muss Wissen vermitteln. Und darin ist er virtuos. Die vielfältigen Verbindungen, die Nützel über den Krieg hinaus zieht, und die subjektiven Bewertungen, die er sich durchgängig erlaubt, legitimieren auch ohne vollständige Kenntnis der umfangreichen Literatur zum Thema die Behauptung, dass so noch nie über den Ersten Weltkrieg geschrieben wurde.

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