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Neues vom Bären Pu : Der Bärenfreund, der zu viel wusste

Bild: dpa

Über achtzig Jahre alt ist Pu, der Bär, und seine Abenteuer lesen sich frisch wie am ersten Tag. Jetzt hat David Benedictus ihm und seinen Freunden neue Geschichten auf den Leib geschrieben. Aber hat er auch den anarchischen Geist des Originals getroffen?

          3 Min.

          „Er wird alles falsch machen“, sagt I-Ah, „jede Wette“. Wer den Griesgram aus dem Freundeskreis von Pu, dem Bären, kennt, weiß, dass niemand deutlicher auf Widerspruch setzt als er. David Benedictus hat dem Zweckpessimisten diese Worte ins Maul gelegt, und auch er wird innig auf Widerspruch hoffen. Schließlich hat der 1938 geborene britische Autor gewagt, dem noch ein gutes Dutzend Jahre älteren Bären Pu neue Abenteuer anzudichten. „Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald“ heißt die Sammlung von zehn Geschichten, die an diesem Montag, begleitet von viel Geheimnistuerei, im englischen Original und in deutscher Übersetzung erscheint.

          „Er wird alles falsch machen“ - in einer Art Vorwort hat Benedictus I-Ah, Pu, Ferkel und Christopher Robin sein Vorhaben kommentieren lassen, und Unrecht hat I-Ah leider nicht. Hatte doch der Autor A. A. Milne seinem Sohn in den zwanziger Jahren sozusagen an der Bettkante aus den anwesenden Stofftieren einen anarchischen Haufen Helden geformt und Geschichten erzählt, die zwischen Alltag, Abenteuer und Abstrusität schier unerreichbar scheinen. Doch auch wenn die alten Geschichten in all den Jahren an Frische nicht verlieren, wären neue hoch willkommen.

          Schließlich hat jeder Versuch grundsätzlich Sympathie verdient, der tumben, tapsigen, sehr verbreiteten Simplifizierung dieses Stoffes im Disney-Kosmos etwas entgegenzusetzen. Und schließlich gab Harry Rowohlt, der die Originalbücher wie auch die neuen Geschichten übertragen und zudem über Jahrzehnte eine Kolumne im Zeichen Pus geführt hat, dem Unternehmen den Ritterschlag: „Man könnte sagen, A. A. Milnes Geist sei über Benedictus gekommen.“

          Es ist angerichtet: Christopher Robin kehrt in den Hundertsechzig-Morgen-Wald zurück

          Verschult

          „Was versteht er denn schon von Eseln“, begründet I-Ah seinen Pessimismus, und Benedictus gibt ihm sogar recht: Er verstehe wirklich nichts von Eseln, er könne nur raten. Aber das könne schließlich auch Spaß machen. Sicher. Nur hat der Nachdichter nicht geraten, sondern leider alles gewusst. Er hat nicht etwa, dem phantastischen Freistil Milnes entsprechend, kühn improvisiert, sondern konstruiert. Er kennt jede Nebenfigur, jede Marotte, jedes Sprachspiel aus den Pu-Geschichten Milnes, und er führt sie an, breitet sie aus, betet sie nach in einer Art literarischer Jüngerschaft, die der Vorlage Reverenz erweist, ihrem Geist aber zuwiderläuft.

          Die Illustrationen von Mark Burgess haben ein ähnliches Problem: So eng wie möglich lehnen sie sich an das Original an - und sind in ihrer Farbigkeit regelrecht öde gegen die rauhen Zeichnungen E.H. Shepards, in deren Gewusel und Gewirr sich immer noch irgendwo einer von Kaninchens Verwandten und Bekannten verstecken konnte. In der letzten originalen Pu-Geschichte verlässt Christopher Robin seine Freunde durchaus mit Unbehagen: „Ich werde nicht mehr gar nichts tun“, vertraut er Pu an. „Nie wieder?“, fragt der bange Bär. „Kein bisschen. Sie lassen einen nicht.“ Auch wenn es gut ist, sich mit Rittern, Saugpumpen, Europa, Faktoren und dergleichen mehr auszukennen: In die Schule zu gehen, um das zu lernen, liegt dem verträumten Jungen nicht. Im neuen Buch kehrt er über die Sommerferien zu den Freunden zurück, und sein Gesinnungswandel ist, neben einer weiteren Figur, der Otterdame Lotti, die einzige nennenswerte Neuerung, die Benedictus gewagt hat: Stolz zeigt Christopher Robin sein Synonymlexikon, das er in der Schule gewonnen hat, man veranstaltet Buchstabierwettbewerbe, spielt Schule, diskutiert die Regeln der Schulsportart Kricket und widerlegt Tieger, den auf einmal Heimweh nach Afrika plagt, mit dem Blick in eine Enzyklopädie.

          Verpasst

          Sonst ist alles wie immer: Natürlich ist Tieger ungestüm, natürlich regt Ruh sich auf, spricht Mutter Känga mahnende Worte, gibt Oile sich dünkelhaft, natürlich behält Kaninchen, na ja, den Überblick und I-Ah bis zuletzt seine schlechte Laune, natürlich changiert Pu zwischen Zerstreutheit und poetischer Präsenz, und natürlich ist das ängstliche Ferkel der heimliche Held vieler Abenteuer.

          Wo aber Milnes Ensemble mit witzigen Wendungen oder unvorhersehbaren Wandlungen auf eine Art zu überraschen vermochte, die gleichzeitig bestens zu den Charakteren passte, sind die Sprech- und Verhaltensweisen der Figuren bei Benedictus weitgehend überraschungsfrei: Zwar lässt I-Ah sich beim großen Abschiedsfest am Ende des Buches zum Tanzen hinreißen, „mit fliegenden Hufen und fliegender Mähne und lautem Eselsgeschrei, und sein Schwanz wedelte bald hier-, bald da-, bald überallhin“, ohne freilich vom Autor kommentiert oder von den anderen beachtet zu werden. Aber sonst wächst niemand über sich hinaus, ohne dass dies bereits als Wesenszug bekannt gewesen wäre. Und Harry Rowohlt, der pflichtschuldige Geisterbeschwörer, lässt sich in seiner Übersetzung des Abschiedstanzmusiktextes gar zu einem schmerzhaften Anachronismus in dem sonst betont zeitlosen Buch hinreißen: „Der Beat ist so fett“, tönt es aus dem Grammofontrichter. Puh!

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