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Neal Shusterman: „Kompass ohne Norden“. Roman. Mit Illustrationen von Brendan Shusterman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Hanser Verlag, München 2018. 352 S., geb., 19,- Euro. Ab 14 J. Bild: Hanser

Jugendbuch von Neal Shusterman : Bei allem die Furcht, das Schiff könnte sinken

  • -Aktualisiert am

Rauhe See im eigenen Kopf: In „Kompass ohne Norden“ lässt Neal Shusterman seinen fünfzehn Jahre alten Helden mit den Meeresungeheuern psychischer Krankheit kämpfen.

          „Wir suchen immer nach Hinweisen, die wir übersehen haben, wenn etwas schiefläuft“, stellt Caden Bosch, fünfzehn Jahre alt, fest, kurz bevor seine Eltern ihn in die Psychiatrie einweisen. Caden hält eine solche Rückschau für den vergeblichen Versuch, im Nachhinein etwas Unvermeidliches unter Kontrolle zu kriegen. Auch die Leserin, zu diesem Zeitpunkt etwa in der Mitte von Neal Shustermans Roman „Kompass ohne Norden“ angelangt, lässt die Spleens, Talente, Ängste, Spinnereien und Träume des Jugendlichen Revue passieren, die sie bis dahin kennengelernt hat, und fragt sich, welche davon auf eine pathologische Entwicklung hindeuteten. Schizophrenie, bipolare Störung, Depression, Zwangsstörung - Verschiedenes davon wird man bei Caden später diagnostizieren und sich damit doch nur grob annähern an das, was diesen Jungen ausmacht.

          Damit ist nicht zu viel vorweggenommen, denn der Autor kündigt bereits im Vorwort an, dass er mit diesem Buch einen Zweck verfolgt: Es soll Betroffene trösten und bei den anderen das Mitgefühl dafür stärken, wie es ist, „die finsteren, unberechenbaren Gewässer der psychischen Krankheit zu befahren“. Shusterman verarbeitet dabei eigene Erfahrungen: Sein engster Freund litt an Schizophrenie und nahm sich das Leben, zwanzig Jahre vor der Arbeit an diesem Buch. Die Vorlage für Caden lieferte allerdings der Sohn des amerikanischen Schriftstellers, Brendan, als Jugendlicher psychisch erkrankt und mit Hilfe der Psychiatrie genesen.

          Die Absicht des Autors tut der Lektüre keinen Abbruch, denn Shusterman gibt reichlich Rätsel auf und glänzt mit irrwitzigen Einfällen ebenso wie mit Bildern und Wortspielen, die bei aller Dramatik immer auch Raum für Humor lassen und deren Übersetzung aus dem Englischen Ingo Herzke vortrefflich geglückt ist. Da gibt es sprechende Totenschädel-Tätowierungen und entlaufene Hirne, Gedanken, die wegrennen „wie ein Mann in Flammen“, und mütterliche Sorgen, die wärmen „wie ein Terrassenstrahler: schwach und wirkungslos, aber stetig“. Das Sprichwort vom in den Brunnen gefallenen Kind wird weitergesponnen zu einem, das vom Grund des Brunnens zu seinem Hund hinaufschreit, der statt Hilfe zu holen zum Pinkeln in den Wald rennt.

          Im Widerstreit verschiedener Realitäten

          Tiefe Brunnen, Fahrstuhlschächte, Trichter, ein Sprung von einem Hochhaus, schließlich sogar der Marianengraben: Der Sog der Tiefe und die Panik vor dem freien Fall sind bestimmende Motive in Cadens Albträumen. Er phantasiert von einem bizarren Schiff mit skurriler Besatzung, das in zunächst unbekannter Mission unterwegs ist. Das Verhältnis Cadens zu den anderen Besatzungsmitgliedern ist ebenso wie das Verhältnis zu seiner Familie und seinen Mitschülern von Misstrauen und Unterstellungen geprägt. Für Caden verschwimmt der Unterschied zwischen Denken und Erleben, eigenen Ideen und fremden Stimmen, Traum und Wirklichkeit. Entsprechend verwebt der Autor die atemberaubende Fantasy-Erzählung aus der Gedankenwelt Cadens mit realistischer Prosa um die Familie und die Krankheit des Jungen. Anfangs noch in kurzen Kapiteln, die keine Bezüge zueinander zu haben scheinen, wird im Verlauf des Romans immer deutlicher, wie die Welt in Cadens Kopf mit der Realität um ihn herum korrespondiert.

          Eindrucksvoll macht Shusterman die massive Verunsicherung nachfühlbar, die entsteht, wenn verschiedene Realitäten miteinander um die Vorherrschaft streiten und sich aus eigener Kraft nicht mehr auseinanderhalten lassen. Eine Beratungslehrerin und ein Therapeut kommen ins Spiel, schließlich eine geschlossene Klinik mit weiteren Jugendlichen sowie Medikamente, die zunächst alles noch viel schlimmer machen.

          Nicht zuletzt ein Plädoyer für die moderne Medizin

          Dieses Buch ist mehr ist als problemorientierte Jugendliteratur. Das ist der parallel zur Krankheitsgeschichte erzählten Fantasy-Geschichte zu verdanken, in die der Autor geschickt Motive und Figuren aus „Moby Dick“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ einbaut. Bestien wollen bekämpft werden. Ihre Konturen werden in den wilden Zeichnungen Cadens erkennbar, die von Shustermans Sohn Brendan stammen, entstanden in den Tiefen seiner Krankheit. Cadens Nachname und sein Versuch, mit seinem Zeichentalent Dämonen einzufangen, verweist auf Hieronymus Bosch und dessen Bestiarien.

          Es ist allerdings weniger die vielbeschworene Nähe von Genie und Wahnsinn, die der Autor hervorheben möchte, als die Willkür und Kontextabhängigkeit aller Kategorisierungen. Shusterman lässt Caden darüber nachdenken, dass er bei den amerikanischen Ureinwohnern womöglich als Medizinmann gefeiert worden wäre und zu alttestamentarischer Zeit vielleicht als Prophet, während man ihn im Mittelalter vermutlich zu einem Exorzisten geschickt und im viktorianischen England in ein Irrenhaus geworfen hätte. Auch die Diagnosen der Psychiatrie sind für Shusterman allenfalls Annäherungen, und doch ist das Buch nicht zuletzt ein Plädoyer für die moderne Medizin, die psychische Erkrankungen zwar oft nicht heilen, aber in den Griff bekommen kann. Noch eine gute Absicht, die dem Leseerlebnis keinen Abbruch tut.

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