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Nataly Savinas Jugendbuch „Herbstattacke“ : Leo und Farsaneh

  • -Aktualisiert am

Bild: Chicken House

Nataly Savina erzählt von einem Jungen, einem Mädchen, der ersten Liebe. Und davon, wie ein netter Kerl gewalttätig wird.

          Es ist eine alte Geschichte, neu erfahren und jetzt erzählt. Die Muster schlagen etwas durch: Ein Anklang an die West Side Story und, das ist klar, Lovestory. Die Jungenbande wird natürlich als Gang bezeichnet. Doch Leo und Farsaneh brechen aus den Klischees aus, das Herz der Autorin schlägt für sie. Leo zieht mit seiner - sehr jungen - Mutter in ein anderes Viertel der Stadt; die Eltern haben sich getrennt, der Vater hat eine neue Liebe angefangen, und die Mutter kommt damit nicht zurecht. Leo muss in eine neue Schule gehen. Dort trifft er auf Malik und seine Gang. Nicht wenige Kapitel des Buches sind den Prüfungen und Gemeinheiten gewidmet, die es braucht, bis er von den Kerlen akzeptiert wird. Malik - seine Familie kommt aus Iran - hat einen kleinen Bruder, Babak, der auf dieselbe Schule geht und die Aufgabe hat, seine große Schwester Farsaneh zu „beschützen“. Aber Babak will in die Gang hineinwachsen. Die Jungs hängen ab, von Schule ist so gut wie nicht die Rede, nur einmal erscheint ein depperter Lehrer. Mutproben, Keilereien stehen auf dem Stundenplan.

          Natalay Savina schafft es in ihrem Debütroman, dieser gelebten Eintönigkeit Farben abzugewinnen und dabei den Leser spüren zu lassen, dass diese pubertierenden Kinder sich auf einer Grenze zwischen Elend und Würde, zwischen Hilflosigkeit und Prahlerei, zwischen Gefühlsarmut und Liebeshunger bewegen. Leo erlebt, wie die neue Liebe des Vaters die Mutter tief verletzt. Er leidet mit ihr. Das tröstet sie. Das macht ihn hilflos. Nataly Savina erzählt auch, wie schwierig es ist, Einsamkeiten mitzuteilen.

          Wunderbar einleuchtend

          Farsaneh duckt sich unter dem Traditionsanspruch und der kontrollierten Gewaltbereitschaft ihres Vaters (die Mutter ist wohl bei der Geburt Babaks gestorben), Leo scheut vor der lauernden Verletzbarkeit der Mutter zurück. Die Geschichte kulminiert in Liebe und Gewalt, einem zwiefachen Hilfeschrei. Wie zu erwarten war, finden Farsaneh und Leo zueinander. Sie fallen, sich suchend, übereinander her. Ein paar heftige Atemzüge lang spart sie das Unheil aus.

          Doch das Bett, in dem sie sich liebten, ist blutbefleckt. Beide erschrecken. Leo nimmt an, Farsaneh habe ihre Tage, und Fasaneh weiß, dass sie entjungfert wurde. Sie erklärt dem Liebsten den Abschied für immer und verschwindet spurlos. Leo hingegen sucht die Konfrontation mit „den anderen“, die so prima, so reibungslos leben. Vor der Universität legt er sich mit einem Studenten an, schlägt ihn zusammen, bis die Polizei kommt, ihn festnimmt und die Mutter ihn auffängt.

          Nataly Savina hat für Leos Liebe einen wunderbar einleuchtenden Satz gefunden: „Farsaneh ist der Refrain in meinem Leben.“ Nur: Wie und wann endet ein solches Lied? fragt sich der Leser, der den beiden, angetan durch die Erzählung, in Gedanken noch ein paar Strophen gönnt.

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