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Mikael Engströms Jugendbuch „Ihr kriegt mich nicht!“ : Die hilflosen Helfer

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Wenn „Brando“ und „Steppo“ nicht so viel Eigensubstanz hätten, könnte man sagen: Mit ihnen hat er uns nur angefüttert, um uns mit „Ihr kriegt mich nicht!“, seinem dritten Jugendroman, endgültig an den Haken zu kriegen.

          Schon wieder ein übersetztes Buch, dieser neue Jugendroman des schwedischen Autors Mikael Engström. Man mag sich über den Überhang an Übersetzungen auf dem deutschen Jugendbuchmarkt ärgern, Tatsache ist: Wir haben wenige aufregende Autoren im Lande, und die Übernahme von schon bewährten Titeln aus dem Ausland ist für die Verlage einfacher, als eigene Autoren aufzubauen. Über die Transportarbeiten der Übersetzer denkt dabei kaum jemand nach. Es denkt ja auch niemand über den festen Boden nach, auf dem er geht. Es sei denn, er trifft auf Stolperstellen.

          Daher ist Mikael Engströms Übersetzerin Birgitta Kicherer wahrscheinlich die Allerletzte, über die ein Leser nachdenkt, während er „Ihr kriegt mich nicht!“ liest. Schon allein, weil der Roman einfach zu spannend ist, um nebenher an etwas anderes zu denken als an seinen Helden Mik, der sich ein besseres Leben erkämpft. Aber auch, weil Birgitta Kicherer sich im Dienste aller Bücher, die sie in Händen hat, vollkommen unsichtbar macht. In Schweden geboren, kam sie im Alter von acht Jahren nach Deutschland. Sie hält Kontakt zu Jugendlichen, sie hält sich eine schwedische Tageszeitung, sie hält im Alltag Augen und Ohren offen. Und sie bringt uns die grausamsten, witzigsten, heitersten, dunkelsten Geschichten, die Schweden für Kinder und Jugendliche bereithält, ins Deutsche.

          Funkelnde Lebensfülle

          Für den pubertären Schwerenöter Bert („Berts Katastrophen“) kann sie hemmungslos albern sein und auch mal einige seiner besten Witze und Sprüche selbst erfinden; für die freundlichen Kindergeschichten von Gunnel Linde schlägt sie deren heiter schwingenden Ton an; für den Jugendbuchautor Peter Pohl hat sie todestiefe Abgründe zur Sprache gebracht. Ihr Meisterwerk war vor einigen Jahren die Neuübersetzung der „Mumin“-Bücher von Tove Jansson in ihrer ganzen funkelnden Lebensfülle und mit ihren Untiefen.

          Nun hat auch Mikael Engström das Glück, von ihr aufgenommen zu werden. Die große Zeit von Peter Pohl ist vorüber, der direkte, mit zunehmendem Alter manchmal auch etwas schmierige Mats Wahl ist nicht jedermanns Sache - aus Schweden kam in letzter Zeit wenig Großartiges für jugendliche Leser. Mikael Engström ist eine erfreuliche Ausnahme. Schon seine ersten beiden Romane aus den Jahren 2003 und 2006, „Brando“ und „Steppo“, waren Stromstöße von Leselust und -schreck. So beißend, geistreich und zugleich herzerwärmend hatte noch niemand die Vorstadttristesse des Wohlfahrtsstaates ins Jugendbuch gebracht; dergleichen war bisher eher Sache der Krimiautoren für Erwachsene gewesen.

          Nicht lascher, sondern kraftvoller

          Ein Übersetzer hat immer eine Wahl, speziell beim Jugendbuch. Schon die ersten beiden Seiten von „Ihr kriegt mich nicht“ stellen klar, dass Mikael Engström alles andere als ein korrekter Autor ist. Birgitta Kicherer entscheidet sich aber stets für Worte, die um einen Grad haltbarer sind als die sich nach vorne drängelnden kurzlebigen Modeausdrücke der Jugendsprache. Der Tonfall wird dadurch nicht etwa lascher, sondern kraftvoller.

          Mikael Engström ist begeisterter Angler - das Thema durchzieht alle drei Werke. Wenn „Brando“ und „Steppo“ nicht so viel Eigensubstanz hätten, könnte man sagen: Mit ihnen hat er uns nur angefüttert, um uns mit seinem dritten Jugendroman endgültig an den Haken zu kriegen. Zunächst sind die Zutaten ähnlich: Auch der zwölf Jahre alte Mik wohnt in Hagalund am Rande Stockholms, auch ihm fehlt ein Elternteil, während das andere nicht zurechnungsfähig ist. Auch er ist in der Schule einem rauhen Klima ausgesetzt. Die Erwachsenen sind gleichgültig oder gönnerhaft oder beides. Engström hegt eine ausgeprägte Abneigung gegen die staatliche Sozialfürsorge - die hilflosen Helfer kommen hier wieder am schlechtesten weg.

          Differenziertere Erwachsenenfiguren

          Allerdings lernen wir mit Mik auch differenziertere Erwachsenenfiguren kennen. Als der Junge die Alkoholsucht seines Vaters nicht mehr verheimlichen kann, wird er vorübergehend zu seiner Tante Lena nach Nordschweden aufs Land geschickt. Aus dem Zusammenprall des Problemkindes aus der Großstadt mit den kräftigen Originalen, die in einem im Schnee vergrabenen Dorf versammelt sind, entstehen die witzigsten Situationen der Geschichte. Mik gewinnt unter den cleveren Landkindern schnell Freunde, er mag Lena, die unbekannten Wintersensationen schärfen seine Sinne, er fühlt sich zum ersten Mal seit langem wohl. Statt sich nur zu wehren, beginnt er, etwas in sich zu entwickeln.

          Doch Engström vermeidet dabei jeden Anflug von Landliebe-Romantik, indem er die Dorfleute und ihre Schrullen aus Miks nüchternem Stadtpflanzen-Blickwinkel beschreibt. Lakonisch und unbarmherzig ist der Ton, den er anschlägt, aber es gibt auch warme Unterströmungen, die Birgitta Kicherer ebenso beiläufig zwischen die Zeilen fließen lässt, wie sie gewisse Derbheiten klar markiert. Alles bleibt aus einem Guss. Das Ergebnis ist oft so komisch oder grausam oder beides, dass die Essenz des Buches unauffällig wirken kann: Echte, bedingungslose und unbezahlte Verbindlichkeit ist existentiell. Oder, wenn man den Begriff weiter fasst: Familie ist wichtig.

          Bis dies für Mik wahr wird, muss er noch einige tiefschwarze Runden drehen, die auch für den Leser schwer auszuhalten sind. Dafür wird er am Ende mit zwei atemberaubenden Abenteuern belohnt, bei denen Mik jedes Mal fast untergeht. Aber er lernt schwimmen, im Wortsinn und auch sonst für sein Leben.

          Was bleibt danach noch zu wünschen? Dass wir auch hierzulande mehr Autoren hätten, die so zupackend und geistreich das wirkliche Leben erfassen.

          Und dass die sich dann bei Birgitta Kicherer den letzten Schliff holen, damit jeder Satz genau so dasteht, wie er gemeint ist.

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