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„Menschenfresser George“ von Rachel van Kooij : Ein Hochstapler-Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: Jungbrunnen

Er brauchte die Verstellung von innen heraus: Rachel van Kooij porträtiert George Psalmanazar, der sich im frühen achtzehnten Jahrhundert als Wilder aus Formosa ausgab.

          3 Min.

          Trotz ihres niederländischen Namens ist Rachel van Kooij seit ihrem zehnten Jahr Österreicherin. Der „Menschenfresser George“ ist ihr sechstes Buch. Und es ist, um es gleich zu sagen, nicht nur ein schönes, sondern auch ein interessantes Buch, wobei das Interesse im Historischen und im Psychologischen liegt.

          Historisch spielt es im späten siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhundert - in Frankreich zunächst, vor allem im Süden, dann auch, denn der sehr unheldische Held kommt viel herum, in Deutschland, in den Niederlanden, schließlich in England, wo der zunehmend zum Hochstapler Gewordene es zu beträchtlicher Berühmtheit bringt. Was das Psychologische angeht, ist das Buch ein spannender Blick in eine Seele - eine recht verworrene Seele. George Psalmanazar, so heißt der Hochstapler am Ende, ist nicht nur ein großer Geschichtenerzähler, sondern versteht es auch ausgezeichnet, sich zu verstellen Und dies tut er fast unter Zwang. Nicht nur, dass er sich oft verstellen muss, um sich durch sein ärmliches Leben zu schlagen: Er braucht die Verstellung auch ohne äußere Notwendigkeit, von innen heraus. Und er leidet unter diesem Zwang. Die Verstellung bringt ihm, sehr im Unterschied zu anderen Hochstaplern, keine Freude.

          Erinnerungen an die vorgetäuschte Heimat

          Wegen dieser nicht direkt unsympathischen, aber auch wirklich nicht strahlend sympathischen Figur ist das Buch keineswegs so bieder, wie es auf den ersten Blick erscheint. Es ist traditionell geschrieben, manche, die krampfhaft immer Neues suchen, würden sagen „altbacken“, was falsch wäre und also ungerecht. Denn besser, befriedigender als ein steil oder gespreizt bemühtes und dann doch nicht klar gelingendes Buch ist eines dieser Art sicher. Die Autorin schreibt - ganz dem Leser zugewandt - in einfacher, schöner, fließender Sprache, die dem Gewollten klar entspricht. Ihr Sprechen fließt, es fließt aber nicht über.

          Und dann ist das Ganze so unkompliziert doch wieder nicht, denn die Autorin erzählt nicht einfach selbst, sondern sie lässt erzählen, und der Erzähler, den sie vorschiebt, ist kein anderer als der mit sich selbst so verworren unzufriedene Held. Er schreibt seinen Lebensbericht zwischen April und Juni 1752, also recht zügig, aus großer zeitlicher Distanz, indem er ärgerlich zurückblickt auf seine Jahre zwischen 1689 und 1704: als Zehnjähriger war er Teil einer von seinem Vater geleiteteten wandernden Schaustellertruppe; in der Kunst der Verstellung war seine schöne Mutter die kühle Lehrerin; als junger Mann ist er, neben vielen anderen Rollen, ein irischer Wandermönch (die Kutte dazu hatte er in einer Kapelle entwendet); schließlich kommt er auf den Gedanken, sich als einen von den Jesuiten entführten Adligen der Ureinwohner von Formosa, dem heutigen Taiwan also, auszugeben. Über diese vorgetäuschte Heimat schrieb George Psalmanazar das längere Buch „Historische und geographische Beschreibung von Formosa“, das ihn rasch bekannt und vermögend machte. Er darf nun gar studieren - in Oxford.

          Aber er war ein guter Mensch

          Bis hierher, ins fünfundzwanzigste Jahr, reicht dieser Lebensbericht. Und nachdem er ihn beendet und sorgsam verwahrt hatte, blieben Psalmanazar noch elf Jahre, bis er am 3. Mai 1763 starb. Einen Tag danach schrieb seine Haushälterin, der er seinen Text mit dem Satz „Mach daraus Geld, viel Geld, Sarah!“ übergeben hatte, in das Buch: „Mein Herr hat die ganze Welt belogen und er machte sich deshalb Vorwürfe, aber er war ein guter Mensch.“ Und dann setzte sie hinzu, sie wolle nicht, dass „sein geheimes Leben so schonungslos der Öffentlichkeit preisgegeben“ werde. Sie müsse den Text „bearbeiten“.

          Was wir tatsächlich lesen ist also die von Haushälterin Sarah gemilderte Fassung. Übrigens beginnt die Erzählung des Hochstaplers packend mit einer schönen Tat: er rettete die weinende fünfzehnjährige Sarah, als sie wegen eines kleinen Diebstahls zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt werden sollte. Zufällig saß er da, was er gern tat, aus Neugier im Gerichtssaal und bat, die Sitzung unterbrechend, den Richter - „ich setzte meine Gelehrtenmiene auf“ - um ein Urteil auf Bewährung. Er nehme das Mädchen in seine Obhut.

          Bloß noch ein Aprilscherz

          Und nun ist es bemerkenswert, dass es diesen Mann, dessen wirklicher Name nicht bekannt ist, tatsächlich gab. Das Formosa-Buch Psalmanazars, alsbald ins Französische und Deutsche übersetzt, gehört zu den nicht wenigen Täuschungen und Fälschungen des 18. Jahrhunderts so wie etwa die von Goethe und vielen anderen bewunderten Gesänge Ossians des Schotten James Macpherson. Und da ergab sich nun bei unserem Mann etwas vielleicht spezifisch Englisches: man hatte ihn schließlich, aber es brauchte dazu einige Zeit, durchschaut, und trotzdem blieb da etwas wie ironische Bewunderung. Psalmanazar schrieb auch „The Memoirs of ****, commonly known by the name of Psalmanazar, a reputed native of Formosa“, die erst nach seinem Tod herauskamen.

          Ja, und der „Menschenfresser“ im Titel? Der Mann, es gehörte zu seinem Verstellungszwang, lebte anders als die Engländer. Er aß zum Beispiel rohes Fleisch, wie es üblich sei in seiner fernen Heimat Formosa. Die Zeitschrift „Spectator“ kündigte am 16. März 1711 an, es werde am 1. April im Theater am Haymarket eine Oper aufgeführt, in der Thyestes, (eine griechische Sagenfigur), seine Kinder auffresse. Diese Rolle werde dargestellt „vom berühmten Mr. Psalmanazar, dem Menschenfresser, der vor einiger Zeit aus Formosa hier angekommen ist“. Und dann, nicht schlecht: „Die ganze Mahlzeit wird von Pauken untermalt.“ Der Erzähler bemerkt dazu melancholisch: „1704 war ich als Wilder berühmt gewesen und 1711 bloß noch ein Aprilscherz.“

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