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: Mein Gebiß an deinem Hals

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Nach sieben Staffeln der Fernsehserie "Buffy - Im Bann der Dämonen" war eigentlich zu erwarten, daß es an amerikanischen Highschools keine Vampire mehr gibt. Aber für Stephenie Meyers Debütroman "Bis(s) zum Morgengrauen" hat die Vampirjägerin aus Kalifornien wohl doch noch ein paar Opfer übriggelassen.

          Nach sieben Staffeln der Fernsehserie „Buffy - Im Bann der Dämonen“ war eigentlich zu erwarten, daß es an amerikanischen Highschools keine Vampire mehr gibt. Aber für Stephenie Meyers Debütroman „Bis(s) zum Morgengrauen“ hat die Vampirjägerin aus Kalifornien wohl doch noch ein paar Opfer übriggelassen. In dieser Blutsaugerromanze zieht die Erzählerin namens Bella aus Phoenix zu ihrem Vater in die regnerische Kleinstadt Forks und erfreut sich plötzlich großer Beachtung durch die lokale Männerwelt. Doch die Siebzehnjährige hat von Anfang an nur Augen für den engelsgesichtigen Edward, der sich mit seinen blassen Geschwistern abseits hält.Altersentsprechend wird das Wörtchen „peinlich“ häufig benutzt, während die erotische Spannung zwischen dem mysteriösen Schönling und dem ungeschickten New kid in town steigt. Bella jedenfalls kommt hinter ein dunkles Geheimnis: Edward und seine Sippe sind Vampire, die sich alleridngs aus humanen Gründen auf den Konsum von Tierblut beschränken. Diese Zurückhaltung kostet Mühe, Bella ist nun einmal absolut nach Edwards Geschmack.Beißt er sie, oder beißt er sie nicht? Das ist die Frage, die mehr als 500 Seiten lang fesseln soll. Daß dies vieltausendfach gelingt, läßt sich an den Lobeshymnen ablesen, die fast ausnahmslos weibliche Fans jeden Alters im Internet hinterlassen haben (“Das ist besser als Romeo und Julia, die schönste Liebesgeschichte aller Zeiten!“). Da die junge Autorin Mormonin und „Bis(s) zum Morgengrauen“ ein Jugendbuch ist, führt Leidenschaft nur zu züchtigen Küssen und einer gewaltigen Anhäufung von Klischees. Glühende Blicke und samtene Stimmen verursachen weiche Mädchenknie. Edwards physische Attribute kann man bald im Schlaf herunterbeten, denn Passagen wie diese wiederholen sich: „Die glatte weiße Haut seines Halses ging direkt in die marmornen Konturen seiner Brust über, und seine perfekte Muskulatur war nicht länger eine bloße Andeutung unter dem Stoff, der sie verbarg.“ Das klingt weniger nach Shakespeare als nach Heftchenromanze, und entsprechend fällt auch das Mädchenbild in diesem Buch aus - sprang die pflockbewehrte Buffy dank wirbelnder Kampfkünste und großer Klappe noch sehr selbstbewußt mit Vampirlover Angel und anderen Untoten um, so ist Bella ein hilflos schmachtendes Persönchen, das vom übermenschlichen Liebsten ständig aus selbstverschuldetem Ungemach gerettet werden muß. Originelle Einfälle wie die besonderen Fähigkeiten von Edwards Geschwistern und ein gigantisches, durch die Geräuschkulisse eines Gewitters getarntes Baseballspiel unter Vampiren bleiben unausgeschöpftes Beiwerk, Äußerlichkeiten wie Autos, Kleider und Frisuren hingegen werden eingehend beschrieben. Wo es an Charakterentwicklung fehlt, müssen eben Accessoires helfen.Stephenie Meyers Lieblingsschriftstellerin ist Jane Austen, die in „Stolz und Vorurteil“ bekanntlich mit Mr. Darcy eine ebenso ambivalente wie faszinierende Männerfigur geschaffen hat. Auch Edward wurde von Meyer mit Attributen wie Wortkargheit, mühsam gebändigter Virilität und der Fähigkeit zu heftigen Gefühlen ausgestattet. Damit endet zwar jede Ähnlichkeit zu Austen, doch der gewünschte Effekt tritt ein: Die Liebesbeziehung zu einem gefährlichen, nur halb bezähmbaren Mann kommt Mädchen im Teenageralter als ein in die Realität ausgelagertes Abbild eigener Unsicherheiten und Phantasien sehr entgegen.Und was macht es schon, wenn die Dialoge im Text nicht immer begeistern, wenn die Kommunikation zwischen Leserinnen und Autorin auf deren Internetseite so prima funktioniert? Alles werde gut, widerspricht Meyer den Befürchtungen, das Liebespaar und die identitätsstiftende Erzählperspektive des Mädchens Bella würden in den Folgebänden angetastet. Es geht den Leserinnen kaum um eine offen spannende Geschichte, sondern vor allem um wohliges Schaudern mit garantiertem Happy-End. Außerdem findet man dort das gewünschte Foto von Bellas Ballkleid und eine ausführliche Erörterung der Frage, die angesichts des Schönheitskults in diesem Buch sicher alle umtreibt: Sieht Bella nun ganz durchschnittlich aus, oder ist sie vielleicht doch eine Ausnahmeerscheinung? Wie gut taugt sie also zur Identifikationsfigur? Hier sei ein kurzer Blick auf Meyers ebenfalls ins Netz gestellte Idealbesetzung für einen geplanten Film empfohlen. Ihr beruhigender Satz „Wißt ihr, Schönheit ist subjektiver, als ihr denkt“ klingt zusammen mit den aufgelisteten Hollywood-Beauties nicht überzeugend.Unterhaltung und Eskapismus sind legitime Ansprüche, die Leser aller Altersstufen von Zeit zu Zeit an ihre Lektüre stellen. „Bis(s) zum Morgengrauen“ trifft dieses Verlangen genau. Mehr nicht. „Buffy“ zu gucken war da in verschiedener Hinsicht ergiebiger. Zum Beispiel konnte man auf die Fortsetzung gespannt sein.

          ANNETTE ZERPNER

          Stephenie Meyer: „Bis(s) zum Morgengrauen“. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Karsten Kredel. Carlsen Verlag, Hamburg 2006. 511 S., geb., 19,90 [Euro]. Ab 12

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