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Meg Rosoffs Jugendroman „Davon, frei zu sein“ : So lebte ich damals

Bild: FJB

Nein, hier wird der alte schwärmerische Romantik-Eintopf Mädchen-liebt-Pferd nicht auf einer höheren literarischen Stufe aufgekocht: Meg Rosoff reitet in „Davon, frei zu sein“ mit ihrer Heldin in die Freiheit. Ihr Sittengemälde aus dem frühen viktorianischen Zeitalter hat etwas Überzeitliches.

          Was eine ordentliche Frau ausmacht: Sie bringt den Tee, schrubbt den Fußboden, erntet Steckrüben auf den Feldern und stirbt nach dem zwölften Kind an Erschöpfung und Armseligkeit. Nicht gut, denkt die siebzehnjährige Pell Ridley, gar nicht gut. Aber unabwendbar, wenn sie bleibt. Also geht sie, mitten in der Nacht, auf die ihr Hochzeitstag folgen soll. Im Gepäck ein wenig Proviant, ihren autistischen Halbbruder Bean und das Pferd Jack. In Nomansland, einem trostlosen Kaff im südenglischen New Forest, ist kein Bleiben mehr - „Mühe und Elend und plärrende Kindermäuler füttern? Nicht jetzt, dachte Pell. Niemals.“

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Meg Rosoff hat sich mit bislang drei Romanen („So lebe ich jetzt“, „Was wäre wenn“, „Damals, das Meer“) ein großes Publikum und viele Auszeichnungen erschrieben (siehe auch: Pferdemädchen kommen überallhin: ein Besuch bei der Jugendbuchautorin Meg Rosoff). Sie versteht sich darauf, ohne Rücksicht auf Raum, Zeit oder Genrevorgaben Heranwachsende als Zwischenwesen zu gestalten. Auch ihre neueste Heldin ist ein ganz spezielles Wesen, ein Mädchen, das sich unter verschärften Bedingungen den Weg ins Erwachsendasein freiräumen muss. Zum ersten Mal hat die in London lebende Amerikanerin einen historischen Schauplatz gewählt. Es ist die Ebene von Salisbury in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Das Wessex aus den Romanen Thomas Hardys. Zigeuner ziehen durchs Land, sichern ihr Auskommen nach ihren Regeln; Wilderer streifen durch die Wälder, die großen Viehmärkte locken zwielichtige Gestalten. Pells kinderreiche Familie steht stets mit einem Bein im Armenhaus, der Vater ein saufender Wanderprediger, die Mutter zerschunden.

          Gute Pferdemädchen können sehr unsentimental werden

          Dass Pell eine begnadete Pferdeversteherin und Hufschmiedin ist, in Gehirn und Herz der Tiere blicken kann, hilft ihr während ihrer Flucht bei der Suche nach Arbeit. Vorübergehend schließt sie sich einer Zigeunersippe an, die ihre Finger auch in Pells Familiengeschichte hat. Dann entwickelt sich eine Beziehung, die „etwas Ähnlichem wie Liebe glich“, zu einem namenlosen Wilderer, den sie Dogman nennt. Er hilft ihr, den Betrüger zu finden, der ihr Jack geraubt und sie um ihr letztes Geld gebracht hat.

          Dass hier mit enormer Sachkenntnis geschrieben wird, steigert die sprachliche Präzision. Denn mit Hunden kennt sich die Autorin ebenso wie mit Pferden aus. Gerade deswegen kommt nie der Eindruck auf, hier werde der alte schwärmerische Romantik-Eintopf Mädchen-liebt-Pferd auf einer höheren literarischen Stufe aufgekocht. Denn gute Pferdemädchen können sehr unsentimental werden. Als Pell ihren geliebten Jack im Stall einer jungen Adligen wiederentdeckt, lässt sie eine Hoffnung mehr fahren. „Der Gedanke, dass sich Jack nach ihr sehnte, war lächerlich. Sie stand da und beobachtete ihn, bis sie zu einem ihrer eigenen Pferde musste. Und dann entfernte sie sich und überließ ihn seinem neuen Leben.“

          Der Weg ins Reich der Desillusionierung

          In England geht das Thema Braut immer. Für die deutsche Ausgabe wurde der Originaltitel „The Bride's Farewell“ allerdings in ein gespreiztes „Davon, frei zu sein“ verwandelt. In dem jungen Marktsegment der Bücher für jedes Alter („All Age“) ist das vermutlich als strategische Positionierung gemeint. Denn Geschichten über das Erwachsenwerden gibt es wie Sand am Meer, aber solche, die auch den Ansprüchen erwachsener Leser genügen, sind rar. Meg Rosoff zielt auf die Herzen der Jugendlichen, treffen tut sie - das haben ihre bisherigen, mehrfach preisgekrönten Bücher gezeigt - ebenso die Herzen älterer Leser.

          Am grünen Rand einer Welt, die Moral höchstens vordergründig heuchelt, beschreitet Pell den Weg ins Reich der Desillusionierung. Die Loyalität der eigenen Familie gegenüber ist ein quälender Antrieb; indem sie diese Verbindung gekappt hat, stellt sie sich außerhalb der Gesellschaft. Ihre Entscheidung, den eigenen Weg selbst zu bestimmen, ihr radikaler emanzipatorischer Akt hätte keine historische Einkleidung nötig gehabt. Umso bezwingender der Erfolg dieses feinen Buches: Es verleiht dem Sittengemälde aus dem frühen viktorianischen Zeitalter etwas Überzeitliches. Dafür verantwortlich ist die schwebende und gleichzeitig fest im englischen Kalkstein verankerte Prosa - knapp, schlank und rhythmisch wie Hufschläge erzeugt sie Bilder, die bleiben.

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