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„Max und Moritz“-Nachdichtung : Ist es eine Parodie? Nein, das nennt man Perfidie!

Wilhelm Herbert, Carl Storch: „Maus und Molli“. Eine Mädelgeschichte in sieben Streichen nach Wilhelm Busch. Esslinger Verlag, Stuttgart 2015. 32 S., Abb., geb., 7,99 €. Ab 6 J. Bild: Esslinger

„Maus und Molli“: Welch ein Fluch für das Genre Kinderbuch! Doch man sollte sich nicht zieren und das Machwerk rezensieren. Und sei es noch so abgefeimt: Wir haben diesmal selbst gereimt.

          Ach, was muss man oft in bösen
          Büchern stöbern oder lesen.
          Wie in diesem, das bebildert
          Maus’ und Mollis Taten schildert.
          Sieben Streiche zu berichten
          und das Ganze zu bedichten,
          das verweist - dem Mann ein Tusch! -
          auf das Vorbild Wilhelm Busch.
          Dessen „Max und Moritz“ war
          Maßstab, seit er’s in dem Jahr
          achtzehnhundertfünfundsechzig
          publizierte - und zwar prächtig.
          Schnell verfiel die ganze Welt
          Buschs Geniestreich, und das hält
          bis in unsre Tage an.
          Jeder kennt noch diesen Mann!
          Doch auch schon vor neunzig Jahren
          wollt’ man ihm als erstem wahren
          Bilderzähler deutscher Sprachen
          eine Ehrerbietung machen.
          Aus dem bösen Bubenpaar,
          das bei Busch das Thema war,
          wurde in der Neuversion
          eine Neukonstellation.






















          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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          Alles ist zunächst einmal
          wie in Buschs Original.
          Nur die Schurken - wie gerecht! -
          wechseln diesmal das Geschlecht.
          Maus und Molli sind zwei Mädel,
          die dem Anspruch, brav und edel
          aufzutreten, nicht genügen
          und deshalb Probleme kriegen.
          Eh das aber Folgen hat,
          läuft für beide alles glatt,
          Und so folgt denn Streich auf Streich.
          Das ist nicht sehr einfallsreich.
          Will man Buschs Talent zitieren,
          sollte man ihn variieren.
          Dieses war der erste Stuss,
          damit startet der Verdruss.


















          Aber trotz dem Kritisieren
          soll ein Lob den Text hier zieren:
          Schön gezeichnet ist der Band,
          wie man schon zum Zeitpunkt fand,
          als er erstmals wundersam
          Lesern vor die Augen kam.
          Illustrator war Carl Storch,
          Busch kopierte er recht forsch.
          Wilhelm Mayer hieß der Dichter,
          von Beruf ein hoher Richter,
          der sich dichtend „Herbert“ nannte,
          damit man ihn nicht erkannte.










          Leider schafft sein Schreibgeschick
          nur getrübtes Leseglück.
          Manchmal hakt der Rhythmus sehr,
          oft fällt ihm das Reimen schwer.
          Viel zu häufig sind die Namen
          seiner Helden zum Erbarmen
          (huch, kaum wurde da geklagt,
          hab ich auch schon selbst versagt).
          „Dorothee“ und „Meister Zecke“
          sind erkennbar nur zum Zwecke
          einer leichten Versverschränkung
          ausgedacht. Welch eine Kränkung
          ist solch leichtgestrickter Pfusch
          für den großen Wilhelm Busch!
          So entsteht der zweite Stuss,
          dem der dritte folgen muss.














          Eins der legendären Bilder
          Buschs ist jene Szene wilder
          Sprengstoffkraft, die tosend kracht
          und die Pfeife platzen macht.
          Das wird wiederaufgenommen,
          doch nur zögernd und beklommen,
          denn Carl Storch schreckt bang zurück
          vor dem bösen Bubenstück.
          Wird bei Busch ein Mensch verbrannt,
          ist bei Storch Gewalt verbannt:
          Statt des Manns im Pulverduft
          fliegt ein Rindvieh in die Luft.
          Dieses war der dritte Stuss,
          dem der vierte folgen muss.












          Sehr beliebt bei Busch-Vertrauten
          ist die Malerei mit Lauten.
          Fachbegriff dafür ist die
          Onomatopoesie.
          Doch was Wilhelm Herbert macht,
          gehört kräftig ausgelacht.
          „Stripp und strapp“ und „rumdibum“
          wirken ganz besonders dumm.
          Butterrühren klingt vernehmlich
          anders. Herbert war bequemlich,
          und er nahm das erste Ding,
          das ihm durch die Rübe ging.
          Dieses war der vierte Stuss,
          damit ist noch lang nicht Schluss.












          Wer zur Rache Götter braucht,
          der gehört zurechtgestaucht.
          Liefert Busch Kalamitäten,
          die reale Menschen säten,
          ist an Herbert nichts zu loben.
          Er sucht Beistand von ganz oben,
          und als Nemesis sodann
          wählt er einen Wassermann.
          Dieses war der fünfte Stuss,
          den man registrieren muss.








          Übern sechsten schweig ich still,
          weil ich fertig werden will.
          Glauben Sie’s: Es gibt genug
          Stuss in diesem Busch-Betrug.


          Das, was Maus und Molli machen,
          sind viel harmlosere Sachen
          als die Streiche, die perfiden,
          die uns Max und Moritz bieten.
          Mädchen dürfen - wie erhaben! -
          nicht so bös sein wie die Knaben.
          Emanzipation? Mitnichten!
          Das ist reaktionäres Dichten.
          Und Sie werden’s nicht erraten:
          Maus’ und Mollis sanften Taten
          folgt als Strafe zum Beschluss
          trotzdem deren Exitus.
          Das war jetzt der letzte Stuss
          dieses Buchs voll Überdruss.
          Es bleibt einzig der Genuss,
          dass man es nicht lesen muss.














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