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Mary E. Pearsons Jugendroman „Zwei und dieselbe“ : Leben um jeden Preis

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Bild: Fischer Schatzinsel

In ihrem neuen Jugendroman wagt sich die Amerikanerin Mary E. Pearson an das Thema biomedizinischer Experimente heran. „Zwei und Dieselbe“ ist eine ebenso spannende wie anregende Lektüre.

          Am Anfang klingt Jenna wie ein ganz normaler Teenager in einer Identitätskrise: „Jemanden wie mich darf es nicht geben! Ich weiß ja nicht mal, ob ich überhaupt noch ein Mensch bin!“ Und auch die Antwort von Jennas Vater ist in solchen Situationen nicht völlig ungewöhnlich: „Ich weiß es aber. Du bist zu hundert Prozent ein Mensch.“ Seine nachgeschobene Begründung aber klingt schon etwas sonderbar: Er wisse das, „weil ich Arzt bin, Jenna, und Wissenschaftler“.

          In ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Roman „Zwei und Dieselbe“ wagt sich die Amerikanerin Mary E. Pearson an das Thema biomedizinischer Experimente heran und entwirft ein futuristisches Szenario, in dem sie die mit dem Fortschritt einhergehenden Ängste und Hoffnungen zu einer ebenso spannenden wie anregenden Lektüre verbindet.

          Der Roman spielt in Kalifornien in einer nicht näher bestimmten Zukunft, die sich von unserer Gegenwart vor allem durch die avancierten Möglichkeiten der Medizin unterscheidet. Die siebzehnjährige Jenna erwacht nach einem schweren Autounfall aus dem Koma und kann sich an nichts mehr erinnern, nicht einmal an die eigenen Eltern. „Früher war ich jemand namens Jenna. Jenna Fox. Das erzählen sie mir jedenfalls. Ich bin mehr als ein Name, mehr als sie mir erzählen. Mehr. Aber ich weiß nicht genau, was.“

          Biogel, Neurochips und nachgezüchtete Haut

          Für kurze Zeit findet Jenna sogar Gefallen daran, sich ohne das Wissen um ihre Vergangenheit ein neues Leben aufzubauen, aber es gibt zu viel, das lückenhaft in ihr Bewusstsein dringt und Fragen aufwirft, die nach einer Antwort verlangen. Warum lebt sie in Kalifornien? Was geschah mit der Narbe an ihrem Hals, die sie auf einem Bild aus der Zeit vor ihrem Unfall entdeckt und die nun verschwunden ist? Es dauert eine Weile, bis Jenna dahinterkommt: Sie wäre nach ihrem Unfall nicht lebensfähig gewesen, hätten ihre Eltern nicht illegal alles medizinisch Mögliche getan, um sie wiederherzustellen. Nur zehn Prozent ihres Gehirns sind von ihr übrig, der Rest besteht aus Biogel, Neurochips und nachgezüchteter Haut.

          Und plötzlich versteht Jenna auch ihre so distanzierte Großmutter, die sich die gleiche Frage stellt, mit der Jenna sich konfrontiert sieht: Ist sie Kopie oder Original? Reicht ein kleiner Rest des Gehirns aus, um eine Persönlichkeit zu sein?

          Wie die Autorin ethische und wissenschaftliche Perspektiven des Menschseins zu einer überaus klugen Mischung aus Science-Fiction, Krimi und Selbstfindungsroman verknüpft, beeindruckt durchaus, auch wenn man gern auf die eine oder andere redundante Wendung verzichtet hätte. Denn nicht alles an dieser Geschichte ist schlüssig, und manche Figur dient allzu deutlich dazu, als Sprachrohr der Autorin eine ethische Fragestellung aufzuwerfen. Umgekehrt behält Pearson trotz der Fülle an philosophischen Überlegungen konsequent ihre Figur im Blick: eine siebzehnjährige Jugendliche auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Schon dies bewahrt ihren Text davor, als blutleerer Thesenroman zu enden.

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