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Martina Wildner: „Dieser verfluchte Baum“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 205 S., geb., 13,95 Euro. Ab 11 J. Bild: Beltz & Gelberg

Martina Wildners Kinderroman : Ach, sagte die Kresse

Auch zuvor schon hat Martina Wildner nie alle übersinnlichen Rätsel aufgelöst, die sich im Lauf der Erzählung entwickeln: Mit „Dieser verfluchte Baum“ vollendet sie ihre Schauer-Trilogie.

          Wenn man das Wort „Akrotonie“ noch nie irgendwo gelesen oder gehört hat, es aber plötzlich samt seiner Bedeutung kennt, was kann das sein? Ein klarer Fall von Verbaumung. Hendrik hat es erwischt. Er weiß nicht nur intuitiv, dass Akrotonie etwas mit der Knospenentwicklung bei Nadelbäumen zu tun hat. Er weiß auch, dass die freistehende Fichte nahe dem Rädlesweiher ein „Todesbaum“ ist. Vier Menschen sind am Baum zu Tode gekommen, zwei davon junge Mädchen. Und Hendrik, der sich beim Klettern dort verletzt hat, glaubt, selbst ein Baum zu werden.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein erstes Stück Rinde wächst an seinem Bein, er fühlt sich schlapp, und abgesehen davon, dass er plötzlich botanische Fachbegriffe kennt, hat er noch eine viel seltsamere neue Fähigkeit: Er hört Bäume sprechen. Genauer gesagt, fängt das Ganze mit sprechender Kresse an. Hendrik, den die Leser schon als ebenso versierten wie lakonischen Ich-Erzähler aus „Das schaurige Haus“ (2011) und „Die unheimliche Krähe am See“ (2017) kennen, lässt es nicht an der nötigen Ironie fehlen, wenn er berichtet, wie er da am Küchenfenster sitzt und plötzlich die Kresse „ach“ zu ihm sagt.

          Martina Wildner begibt sich mit „Dieser verfluchte Baum“ auf die Zielgerade ihrer Schauer-Trilogie. Wieder kommen Hendrik und sein kleiner Bruder Eddi, die am Anfang 13 und fünf Jahre alt waren und jetzt etwa zwei Jahre älter sind, in das kleine Dorf im Allgäu, wo Eddi das einstige Spukhaus geschenkt bekommen hatte. Klar, dass dort das nächste Abenteuer auf Hendrik, der mittlerweile mit der Bauernstochter Ida aus der Nachbarschaft verbandelt ist, und auf Eddi und seine Freundin Monique wartet.

          Bäume können fühlen – aber auch töten?

          Alles ähnlich also – aber doch anders. Denn Wildner, die schon zuvor nie alle übersinnlichen Rätsel aufgelöst hat, die sich im Lauf der Erzählung entwickeln, legt in „Dieser verfluchte Baum“ noch nach. Ein dichtes Netz an Fäden und Hinweisen gibt es, sie reißt Geschichten an, die sich jeder Leser selbst weiterspinnen muss, und lässt regelrecht schwarze Löcher in ihrer Erzählung stehen, die sozusagen im Nachhall weitere Schauer erzeugen können. Warum ist Idas Mutter so hart? Wieso ist Moniques Mutter so streng und schroff? Warum hasst Idas Klassenkameradin Grace ihr Leben? Es gibt haufenweise merkwürdige Charaktere in diesem Roman, ganz und gar nicht übersinnlich, aber oft gruseliger als ein sprechender Baum.

          Wildner spinnt im Grunde aus, was Bestsellerautoren wie der einstige Förster Peter Wohlleben mit seinem „geheimen Leben der Bäume“ vermitteln: Bäume haben Empfindungen und können kommunizieren. Aber können sie auch töten? Dieser Frage geht Hendrik nach, nicht ohne Risiken. Seine Unterhaltungen mit Holzvertäfelungen oder einem Baumstumpf erlauben den Lesern hier und da sogar ein entspannendes Kichern, auch die zarte Liebesgeschichte mit Ida schafft Raum zum Verschnaufen.

          Was sie alles kann

          Denn es geht ganz schön zur Sache, mit Attentaten, Unfällen und Hypnose. Hat Gerlinde sich umgebracht, weil sie, das Dorfmädel, keine berühmte Holzbildhauerin werden konnte – oder ist der „Todesbaum“ schuld, wie die Dorfbewohner glauben? Wildner, selbst im Allgäu aufgewachsen, selbst in der Holzbildhauerei erfahren, skizziert wieder die Herausforderungen des Landlebens, die Unbarmherzigkeit mancher Verhältnisse, auch den Dialekt, ohne ihre Figuren als Hinterwäldler zu diskreditieren. Dass „Dieser verfluchte Baum“ dennoch nicht ganz den Sog der Vorgänger entwickelt, liegt auch an der Vielzahl dieser Stränge und Leerstellen.

          Das Prinzip „Man weiß ja nie“ haben Wildners Leser schon in den ersten beiden Bänden erfahren. Der dritte treibt es auf die Spitze. Was man aber weiß: Wildner hat ihr Experiment vollendet, etwas andere, gescheite Schauerromane für Kinder zu schreiben. Jetzt, wo Gerlindes liebe Seele ihre Ruh hat, kann die Autorin sich zu neuen erzählerischen Abenteuern aufmachen. Was sie alles kann, ist nicht nur daran zu ermessen, dass sie Bäumen eine Sprache andichtet – sondern auch an den wundervollen Dossiers, die Wildner, ausgebildete Grafikerin, zu ihren Büchern auf ihrer Internetseite martina-wildner.de anfertigt.

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