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Martin Schäubles „Sein Reich“ : Willkommen in der Idiotensekte!

Eine reale Bedrohung: sichergestellte Waffen von „Reichsbürgern“ im November 2016 im Polizeipräsidium in Wuppertal Bild: Picture-Alliance

Er wollte eigentlich nur seinen Vater wiedersehen. Der ihn aber zuerst nicht. In Martin Schäubles Jugendroman „Sein Reich“ gerät ein Junge unter Extremisten.

          4 Min.

          Juris Sommerferien sind nicht gerade vielversprechend: Während seine Klassenkameraden in den Süden fliegen oder auf Kreuzfahrt gehen, stehen ihm sechs Wochen zu Hause bevor. In einer Wohnung mit seiner Mutter, die ihn nervt, und Hauke, ihrem neuen Freund, der noch viel schlimmer ist. Hauke ist jeden Abend sturzbetrunken. Als er eines Tages seine leeren Bierflaschen in Juris Schulranzen legt, ist das Maß voll: Mit einem solchen Mann kann er auf keinen Fall seine Ferien verbringen. Juri beschließt, zu seinem Vater zu fahren, obwohl die beiden sich noch nie gesehen haben. Der nimmt ihn aber trotzdem bei sich auf. Und plötzlich passiert viel. Zu viel. Denn Juris Vater gehört zu den Reichsbürgern.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Martin Schäuble, der Politikwissenschaft studiert und mehrere Bücher zum Israel-Konflikt veröffentlicht hat, behandelt auch in seinen Jugendromanen immer wieder politische Themen. In „Endland“ versuchte er zu ergründen, wie Deutschland aussähe, würde es von einer rechtsnationalen Partei regiert. Die „Nationale Alternative“, wie diese Partei bei Schäuble hieß, war unverkennbar an die AfD angelehnt. Auch „Sein Reich“, Schäubles vierter Jugendroman, könnte aktueller nicht sein. Die Protagonisten spielen „Fortnite“ und gucken „Dark“ auf Netflix, Juris Klassenkameraden sind bei Fridays for Future organisiert. Doch auch die schrecklichen Seiten unserer Gegenwart werden nicht verschwiegen: Der Mord an Walter Lübcke und der Anschlag in Halle werden erwähnt. Es geht um rechte Ideologien und die Menschen, die hinter ihnen stehen.

          Im Plot ist das geschickt angelegt. Spannend wie ein Thriller, lässt der Roman Juri nach und nach entdecken, was für eine Weltsicht sein Vater hat. Weil er davon keinerlei Ahnung hat, betrachtet er alles von außen. Nicht unbedingt naiv, schlicht unwissend. An seiner Seite erfahren die Leser, was für Menschen diese Reichsbürger sind, von denen auch manche von ihnen möglicherweise noch nicht viel gehört haben.

          Das Tröstliche: die jugendlichen Protagonisten

          Auf den ersten Blick sieht die Welt von Juris Vater gar nicht so düster aus. Achim, ein Freund des Vaters, wohnt auf einem idyllischen Bauernhof im Wald, es gibt immer gutes selbstgemachtes Essen, und Juri darf vieles tun, was zu Hause absolut verboten wäre: mit echten Pfeilen schießen und sogar Auto fahren. Mit dem Vater geht er angeln und teilt sogar eines seiner Hobbys: Modellflug- und -fahrzeuge bauen. Doch mit der Zeit wird alles immer seltsamer: Bei Achim kochen ausschließlich die Frauen, seine Töchter wirken wie emsige Hausangestellte. Alle sind altmodisch gekleidet, keiner hat ein Handy. Und Achim will Juri erzählen, dass man Krebs mit Kräutern heilen kann.

          Juri beginnt sich zu wundern. Und das Leben seines Vater nicht nur komisch zu finden, sondern darin ein Problem zu sehen: „Mein vorletzter Gedanke, bevor ich einschlafe, besteht aus zwei Wörtern: armer Papa. Der letzte Gedanke ist immerhin ein ganzer Satz lang: Lieber Juri, willkommen in der Idiotensekte.“ Juris kritische Haltung bringt ihn auch einer anderen Bekanntschaft näher, die er ganz zu Beginn im Bus macht. Jessy ist ungefähr in seinem Alter und lädt ihn ein, mit ihr und ihren Freunden am See abzuhängen. Die „Dorfzecken“ und „Linksparasiten“, wie die Freunde seines Vaters sie nennen, sind der Gegenpol zur scheinbaren Bauernhofidylle. Juri ist in beiden Gruppen der Neue, steht irgendwo zwischen ihnen. Denn einerseits ist es nicht einfach, den eigenen Vater abzulehnen, auch wenn man ihn gerade erst kennengelernt hat. Zum anderen fühlt sich Juri sowohl zu Jule, Jessys Schwester, als auch zu Maggi, Achims Tochter, hingezogen. Für diese Polarisierung hätte es vielleicht nicht unbedingt zwei Sommerflirts gebraucht. Aber gerade Maggi, die sich ihren Spitznamen heimlich gibt, weil sie eigentlich Margarete heißt, ist eine interessante Figur, von der man bis zum Schluss nicht weiß, was in ihr vorgeht und ob nicht auch sie gerne ausbrechen würde.

          Der Roman klärt auf, zeigt, wer die Reichsbürger sind. Doch tut Schäuble das nie so aufdringlich, dass es in der Geschichte unangenehm auffallen würde. Wenn Juris Vater seinen Sohn mit diversen Verschwörungstheorien bekannt macht, ihm erzählt, was Chemtrails seien und warum die Bundesrepublik eine Firma sei, ist das eine durchaus glaubhafte Konversation. Schließlich kennt Juri bis dahin keine der Theorien, an die sein Vater glaubt, und muss dessen Parallelwelt, „sein Reich“, wie der Titel sagt, erst noch verstehen.

          Um ihn zu überzeugen, leiht Juris Vater seinem Sohn ein Buch. Und schreibt dazu: „Das wird dir die Augen öffnen.“ Bei diesen Worten muss Juri an die Menschen denken, die am Bahnhof stehen und ihn zu Gott bringen möchten: „So was überzeugt mich nicht, echt nicht. So leicht ist es nämlich auch wieder nicht. Wenn die zwei Leute echt Gott gefunden haben, wieso stehen die vor der Rolltreppe rum? Weil sie helfen wollen? Aber wieso helfen die nicht den drei Obdachlosen, die neben der Rolltreppe auf dem Boden liegen? Ist nur so eine Frage.“

          Juris Art, die Dinge von außen zu beobachten und dann zu hinterfragen, spiegelt sich in Schäubles Art, zu erzählen, wider. Denn auch er macht es seinen Lesern nicht zu einfach, stellt Fragen. Die Reichsbürger sind zumindest zu Beginn recht sympathisch. Juris Vater kauft man ab, dass er tatsächlich an das glaubt, was er erzählt. Und man will wissen: Wie kann so etwas passieren? Seit wann ist er so? Dabei ist die Weltsicht seines Vaters für Juri nicht nur abschreckend, sondern auch faszinierend wie das Leben in einer Abenteuergeschichte – wobei es für diese zumindest kein Happy End im Sinne einer Läuterung aller Figuren gibt.

          Dass Juris Vater und dessen Freunde ihre Ideologie aufgeben, ist unwahrscheinlich. Das Tröstliche in „Sein Reich“ sind die jugendlichen Protagonisten, die sich selbstbewusst dem Irrsinn entgegenstellen. Juri, der immer deutlicher erkennt, was für ein Mensch er schon ist und zukünftig sein möchte, betrachtet einmal seinen schlafenden Vater: „So ähnlich sehe ich auch mal aus, irgendwann. Aber ich bin dann trotzdem ein ganz anderer.“

          Martin Schäuble: „Sein Reich“. Roman. Fischer KJB, Frankfurt 2020. 240 S., geb., 14,– €. Ab 12 J.

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