https://www.faz.net/-gr3-9m79v

Marisha Pessls „Niemalswelt“ : Wer einmal in der Zwischenhölle steckt

  • -Aktualisiert am

Während solche Szenarien erwachsenen Protagonisten gewöhnlich als Aufruf zur Selbstverbesserung dienen – „Und täglich grüßt das Murmeltier“ handelt von einem solipsistischen, selbstsüchtigen Dreckskerl –, haben wir es hier mit Menschen zu tun, deren solipsistische, selbstsüchtige Dreckskerlhaftigkeit eher als akutes Symptom zu verstehen ist, noch nicht als ausgewachsenes Laster. Als Antwort auf die Schwellenräume, in denen sie sich wiederfinden – ihr Gefangensein zwischen Leben und Tod, Kindheit und Erwachsensein –, stürzen sich die Freunde also in eine Reihe von Lebensentwürfen, die sie anprobieren wie neue, möglicherweise lebensrettende Jeans. Auf Egoismus (erschlichene Yachturlaube) folgt Altruismus (Besuche im Seniorenheim), dann eine Kombination aus beidem (Kipling begleitet eine Frau zur Chemotherapie, beginnt aber auch eine Affäre mit ihr). Sie driften auseinander und aufeinander zu, oszillieren, den Unterschied zwischen „ich“ und „wir“ verhandelnd, zwischen Verzweiflung (Selbstmord, erfolglos) und ultimativer Langeweile (die Lektüre des gesamten Internets, erfolgreich).

Kleiner Lügner, größenwahnsinniger Träumer

Dann folgt ein Pess’lscher Dreh par excellence, weniger aufdringlich metaliterarisch als die halsbrecherischen Wendungen in „Die alltägliche Physik“ und gleichzeitig extravaganter: Um der ewigen Wiederholschleife zu entkommen, müssen die Freunde weder einen tadellosen Charakter formen noch ihren Platz in der Gesellschaft finden. Sie müssen einfach nur aufhören, um es in den Worten eines generisch entnervten Jugendbuchprotagonisten zu sagen, sich zu benehmen wie ein verdammtes Klischee.

Genauso tief wie in der Niemalswelt steckt die Gruppe nämlich fest in einer Reihe klassischer Jugendbuch-Topoi, Handlungsverläufe und Figurenkonstellationen, die Pessl abträgt wie Gesteinsschichten. Das, was übrig bleibt, ist das Gegenteil von befriedigend – ein fabelhaftes Jugendbuch, das die Grenzen seines Genres genauso erfinderisch in Frage stellt wie es die tot-lebendigen Kindererwachsenen tun, von denen es erzählt. Die erste große Liebe ist problematischer, vor allem aber kleiner, als sie zunächst erscheint, und Jims Tod, das zentrale Geheimnis des Romans, ist eine Verkettung von unglücklichen Zufällen und ziemlich plausiblen Entscheidungen. Auch die Charaktere erweisen sich als feiger, normaler und komplizierter als gedacht: Cannon ist weniger ein selbstloser Alleskönner als ein rasender Workaholic; die furchterregend-furchtlose Schönheit Whitley entpuppt sich als talentierte Kleinkriminelle mit Mutterkomplex und Martha, das semi-autistische Mathegenie, als aufopfernde Freundin.

Und dann ist da natürlich noch Jim, dessen romantisch-galoppierende Heldenhaftigkeit Pessl am allerwenigsten auf sich beruhen lässt, die sie ihre Leser – sie sind erwachsen genug für die Wahrheit – vielmehr von so vielen Seiten betrachten lässt, bis honigbraune Augen und schiefes Lächeln zurückgefunden haben zu ihrem rechtmäßigen Besitzer: einem narzisstischen kleinen Lügner, einem größenwahnsinnigen, liebenswerten Träumer, der aus Versagensangst die Menschen enttäuscht, die ihm eigentlich am wichtigsten sind – einem siebzehnjährigen Jungen also, for real.

Weitere Themen

Tor Steine Scherben

Fußball und Gesellschaft : Tor Steine Scherben

Von Rebellionen auf und neben dem Platz: In „71/72. Die Saison der Träumer“ zeichnet Bernd-M. Beyer ein großartiges Porträt einer aufmüpfigen Gesellschaft. Und um Fußball geht es auch.

Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

Bitte einsenden : Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

Zur Erinnerung an den Redakteur und Filmkritiker Michael Althen hat die F.A.Z. einen Preis ausgeschrieben. Zum zehnten Mal soll eine Form der Kritik gewürdigt werden, die analytische Schärfe und emotionale Integrität verbindet.

Topmeldungen

Jetzt auch für Junge: eine Impfung mit Vaxzevria

AstraZeneca-Impfung : Wann ist die beste Zeit für Dosis zwei?

Fachleute sind vorsichtiger, als es der Politik lieb ist: Sie raten weiterhin dazu, mit der zweiten Dosis des Vakzins von AstraZeneca zwölf Wochen zu warten. Nicht nur, weil das die Wirksamkeit erhöht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.