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Lena Hach: „Grüne Gurken“. Roman. Mit Bildern von Katja Berlin. Mixtvision, München 2019. 224 S., geb., 17,– Euro. Ab 12 J. Bild: Mixtvision

„Grüne Gurken“ von Lena Hach : So viele Hochbegabte!

  • -Aktualisiert am

Auf einmal allein im Späti: „Grüne Gurken“ von Lena Hach ist ein kurzweiliger Teenager-Liebesroman mit hervorragenden Zutaten. Darunter wunderbaren Torten-Diagrammen.

          Ein ebenso schlagfertiges wie tollpatschiges Mädchen, das sich weigert, hochbegabt zu sein. Ehrgeizige Eltern mit großen Ambitionen und wenig Zeit für ihr Kind. Ein Umzug wider Willen vom Land in die Großstadt. Ein unverhoffter Ferienjob in einem Kiosk mit bizarrem Sortiment. Ein geheimnisvoller Kunde, der immer das Gleiche kauft, und ein bester Freund, der aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen kann, wenn es um amouröse Fragen geht. Alles zusammen hervorragende Zutaten für einen kurzweiligen Teenager-Liebesroman, die Autorin Lena Hach gut zu verbinden weiß.

          Während ihre Eltern, beide Naturwissenschaftler und hochbegabt, sich über ihre Karrieresprünge freuen und in der neuen Umgebung aufblühen, bewegt sich Lotte kaum aus der neuen Wohnung in Berlin-Kreuzberg. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie niemals ihr Zuhause in dem hessischen Dorf aufgegeben, in dem sie aufgewachsen ist. Die Eltern drängen sie, sich erneut auf einen Test für Hochbegabung vorzubereiten, und gehen abends lieber mit ihren neuen Kollegen aus, als so wie früher gemeinsam mit Lotte zu kochen.

          Die Geschichte kommt ins Rollen, als Lotte mal wieder abends allein zu Hause hockt und beschließt, sich im Späti gegenüber Fertigmilchreis zu besorgen. Ungeschickt wie sie ist, vergisst sie ihren Haustürschlüssel in der Wohnung und reißt unmittelbar nach Betreten des Ladens ein Regal um. Das hält Kioskbetreiber Yunus, der gerade eine schlechte Nachricht erhalten hat, nicht davon ab, Hals über Kopf zu verschwinden und Lotte die Verantwortung für den Späti für den Abend zu übertragen. Daraus entstehen ein Ferienjob und neue Bekanntschaften, die sie schließlich mit der Stadt versöhnen.

          Das Schlimmste an der Pubertät

          Ob Lotte gegen einen Poller rennt, während sie versucht, sich cool an einer Gruppe Berliner Jungs „in schlabberigen Hoodies“ vorbeizudrücken; ob sie gerade mit einer überlaufenden Kloschüssel kämpft, während ihr Schwarm vor der Toilettentür steht; oder ob sie versucht, auf allen Vieren zu fliehen, weil er sie zufällig dabei erwischt, wie sie ihm heimlich nachspioniert – der Roman ist voller Slapstickszenen. Doch nicht nur ihre Ungeschicklichkeit macht Lotte und den Roman so lustig. Sie ist noch dazu klug bis altklug und selten um einen Vortrag voller unnützen Detailwissens verlegen. Auch das Stilmittel absurder Analogien, das Hach einsetzt, um aus Lottes Sicht Dinge und Begebenheiten zu beschreiben, indem vergleichbare, aber doch ganz andere Sachverhalte erläutert werden, trägt zur Komik bei. So ist die von ihren Eltern und dem Rest der Verwandtschaft mit großem Ernst geförderte Hochbegabung für Lotte eine Familientradition wie „Käsefondue zum Jahreswechsel“. Und um sich mit denkbaren schlimmeren Peinlichkeiten zu trösten, als sie im Mantel ihres Vaters auf der Straße steht, fällt ihr die Möglichkeit ein, sich in der „hautfarbenen Unterwäsche von Oma“ in Kreuzberg aus der Wohnung ausgeschlossen zu haben.

          Es gibt in dem Roman auch tragische Momente, die mit der Endlichkeit von Liebesbeziehungen und Menschenleben zu tun haben, insgesamt ist er jedoch darauf angelegt, fröhlich zu stimmen, und das gelingt ihm auch. Bei allem Respekt vor den clownesken Einfällen der Autorin allerdings: Der Clou des Buches in Sachen Humor sind die Grafiken von Katja Berlin, die sich wunderbar ins Buch fügen als Marotte von Lotte: „Andere schreiben Tagebuch, ich klappe den Laptop auf und entwerfe Torten-, Block- und Mengendiagramme.“

          Da gibt es beispielsweise ein Tortendiagramm mit dem Titel: „Was Menschen in Berlin können“. Zu ungefähr je einem Drittel ist es „Motzen“, „Arrogant sein“ und „Mich einschüchtern“. Für die außerdem in der Legende stehende vierte Eigenschaft „Ohne Bier in der Hand auf der Straße laufen“ findet sich darin jedoch keine Fläche. Sehr schön auch „Das Berlinrätsel“, das einen kleinen blauen Balken zeigt für „wie viel ein Hund frisst“ und einen deutlich größeren roten Balken für „wie viel ein Hund kackt“. Ganz wunderbar schließlich das Tortendiagramm mit dem Titel „Das Schlimmste an der Pubertät“: etwa ein Sechzehntel ist lila gefärbt für „Pickel“, ein weiteres Sechzehntel gelb für „Stimmungsschwankungen“ und der riesengroße Rest grün für „Aufklärungsgespräche mit den Eltern“. Es sind diese Grafiken, die das Buch von vergleichbaren Teenager-Liebesgeschichten abheben. Die jugendlichen Leserinnen und Leser dürfen sich jedenfalls freuen, dass auch sie von diesem Format für humoristische Darstellungen profitieren können.

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