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Jugendroman von Lauren Wolk : Havarien des Lebens

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Lauren Wolk: „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“. Roman. Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann. Dtv Reihe Hanser, München 2018. 288 S., geb., 14,95 Euro. Ab 12 J. Bild: Dtv Reihe Hanser

Ein Mädchen wird auf einer kleinen Insel im Archipel Elisabeth Islands auf einem lecken Boot angespült: Lauren Wolks Jugendroman „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“ erzählt die Geschichte einer Unberührbaren.

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          „Welche Bedeutung konnte ein Woher haben für die Fragen, wer oder was ein Mensch war?“ Die Heldin Crow in Lauren Wolks poetischem Selbstfindungsroman wird auf einer kleinen Insel im Archipel Elisabeth Islands auf einem lecken Boot angespült. Der einzige Inselbewohner, der Kriegsflüchtling und Maler Osh, nimmt sich ihrer an. Moralisch und mit warmen Suppen werden die beiden unterstützt von Miss Maggie – über ihr Schicksal weiß man nur, dass sie alles verlor – von der Hauptinsel Cuttyhunk. Die kleine glückliche Clique und Patchworkfamilie der in den zwanziger Jahren spielenden Geschichte ist sich selbst genug. Doch mit 12 Jahren will das mit Ausnahme von Miss Maggie von den Einwohnern Cuttyhunks seltsam gemiedene Mädchen, dem die Pflegefamilie die wahre Abkunft verschwieg, ihre Geschichte wissen, an den „losen Fäden meines Lebens“ ziehen.

          Die in Cape Cod lebende Lauren Wolk erzählt wie im erfolgreichen Debüt „Das Jahr, in dem ich lügen lernte“ von Widerhaken der Angst und Vorurteilen. Ihr Roman beleuchtet Selbstheilung und Havarien des Lebens, lotst durch das Strandgut des Seins im Ringen um Identität zwischen Blutsbande und alternativer Familie. Dekor ist die Leprakolonie auf der Elisabeth-Insel Penikese, zu der man Menschen aus meist anderen Weltgegenden, die 1905 in Massachusetts lebten und er-krankt waren, brachte. Nach der Schließung wurde die Insel Vogelreservat, heute bezeugt noch ein kleiner Friedhof die Vergangenheit. Historisch verbürgt ist auch Captain Kidd, der im Umfeld der Elisabeth-Inseln Beute vergrub, was Schatzsucher anzog.

          Die Diskriminierungen ihrer Umwelt (bei der Einschulung in Cuttyhunk desinfiziert der Lehrer die Klinke mit Alkohol) lassen Crow auf ihre Aussetzung an der Küste Penikeses schließen. Die Identitätssuche, der Verlustängste Oshs gegenüberstehen, gedeiht im Spannungsfeld der Solidaritäten und Schicksalsfäden. Motive der Natur als Gezeiten des Lebens illustrieren konträre Pole: Osh „versuchte, mich zurückzuziehen wie der Mond das Meer bei Ebbe“.

          Um ihr das Schicksal des Bruders zu ersparen

          In der Tat wird die Suche nach Herkunft und Identität, die mit Hoffen und Bangen einhergeht, zum gefährlichen Spiel. Ein zerfetzter Brief mit rätselhaften „Wörterinseln“ und ein Rubinring, die laut Osh als Beigaben der Mutter dem Findelkind an die Brust geheftet waren, bilden den Auftakt für Puzzlespiele der Identitäten. Crows Selbstsuche wird entfacht durch ein Feuer auf Penikese, der „Insel, die nie jemand besuchte“. Die intrigenreiche Handlung – der vermeintliche Vogelwart und Bösewicht Mr. Kendall, der in Penikese auf den Spuren von Captain Kidd auf Schatzsuche aus ist, kommt dem Trio dabei immer wieder in die Quere – erinnert teils an einen Detektivroman. Neben abenteuerlichen Ausflügen nach Penikese zum Friedhof und Rudimenten der Kolonie spürt Crow der Vergangenheit und den versehrten Seelen im Briefkontakt mit dem Arzt Dr. Eastman und der Krankenschwester Miss Evelyn der Heilanstalt nach. So erfährt sie auch von der Existenz ihres Bruders Jason, der gleich nach der Geburt in ein Waisenhaus nach New Bedford geschickt wurde, wo er als potentieller Krankheitsüberträger in Isolation lebte.

          Es wird klar, dass Crows Eltern, die mutmaßlich in Penikese begraben liegen, Crow zur Überfahrt in ein toleranteres Milieu dem Meer anvertrauten, um ihr das Schicksal des Bruders zu ersparen. Die Spurensuche führt zu einem Schatz, den ihre beim Graben nach Heilkräutern fündig gewordene Mutter, wie im kryptischen Zettel beschrieben, hinterließ. Dass ihn weder Kriminelle hoben wie Mr. Kendall noch nach dessen Abkehr von Penikese Hobby-Schatzgräber – Menschen, deren materielle Gier sogar die Angst vor der Lepra-Insel überwog –, sondern Crows Familie (wie bei Krähen waren es „die allereinfachsten Schätze, die uns anlockten“), ist die Ironie der Geschichte.

          Symbole für Geliehenes und Zwischenstationen

          „Eine Insel zwischen Himmel und Meer“ spielt mit materiellen und immateriellen Werten und Schätzen und konkretem und abstraktem Graben nach dem Selbst zwischen rechtmäßigen und alternativen Familienbanden. Traumgesichte, als Crow auf einem Schoner, der sie beim Ausflug nach New Bedford kreuzt, in einem Matrosen Jason erblickt, tauchen auf und verebben im Kaleidoskop der Identität. Dem Fadenkreuz idealisierter Königskinder, die sich verfehlen, steht die erfüllte Liebe der Pflegefamilie gegenüber.

          Kinder, Inseln, Edelsteine: Alles sind Symbole für Geliehenes und Zwischenstationen – im Leben ihrer Erzieher, Bewohner und Besitzer. Crow verteilt den Schatz der Mutter per Post als Patchworkerin der Liebe ohne Absender an Waisenhäuser im ganzen Land: Wenn die gesellschaftliche Bazille Crow etwas verbreiten kann, dann etwas Gutes.

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