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Kinderbuch „Igel und Schnuff“ : Wem der große Wurf gelungen

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Was auch dabei herauskommt, der Biber hatte die besten Absichten: Illustration aus Lauren Castillos Kinderbuch „Igel und Schnuff“. Bild: Carlsen Verlag

Was passiert, wenn ein Sturm Stacheltier und Stoffhund trennt: Lauren Castillos Kinderbuch „Igel und Schnuff“ zeigt, was zu tun ist, wenn man einen Freund verliert. Man sucht ihn.

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          Auch Winde wandern, wissen wir aus dem Wetterbericht. Und sie wandern wohl gar über die Zeiten hinweg, so etwa jenes Frühlingslüftchen, das 1908 in einem der berühmtesten Kinderbücher überhaupt als „Wind in the Willows“ anhob und seinen Protagonisten, einen der Hausarbeit überdrüssigen, leicht melancholischen Maulwurf, seinem Lebensglück entgegenwehte. Damit ging die zeitlose Einsicht einher, dass Freunde – in diesem Fall mit Eigenschaften nur so gesegnete Mit-Tiere: eine joviale Ratte, ein kauziger Dachs und ein liebenswert großspuriger Kröterich – das einzig wirksame Mittel gegen Einsamkeit sind.

          Zum Sturm gesteigert, pflügt derselbe Wind nun durch ein traumhaft gestaltetes und von Kirsten Reinhardt vorzüglich in ein nobel einfaches, nämlich weder verniedlichendes noch allzu verfabeltes Deutsch übertragenes Kinderbuch der amerikanischen Autorin und Illustratorin Lauren Castillo. Er reißt zwei Freunde entzwei, dieser Sturm, Igel und Schnuff, wobei Schnuff, das muss man erschließen (und spielt für die meisten Kinder vermutlich keine Rolle), ein Stoffhund ist, zugleich aber Igels bester Freund. Igel wiederum ist eine Igelin, wie das Pronomen anzeigt, und sie lebte mit Schnuff auf einer kleinen Insel im Fluss, glücklich die meiste Zeit, aber hin und wieder ergriff sie ein Verlangen, das in wenige Worte passt – „sie sehnte sich nach etwas anderem, nach mehr...“ –, aber in Verbindung mit der herzergreifenden Zeichnung der Sehnsucht der größten Poeten kaum nachsteht. Größeres also wollte auch sie, anderes, mehr, nur was genau? Dann riss ihr der Sturm den Freund aus den Armen.

          Die Ausgangslage bei Castillo ist also eine Spur elegischer als bei Kenneth Grahame, und doch sehen wir hier keine Trauerweiden, nur heimelige Tannen und leuchtendes Schilf. Und tatsächlich ist dies kein Buch über Verlusterfahrungen, fast im Gegenteil, denn es besteht kein Zweifel daran, was zu tun ist, wenn man einen Freund verliert: Man sucht ihn.

          Lauren Castillo: „Igel und Schnuff“. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Reinhardt. Carlsen Verlag, Hamburg 2021. 128 S., geb., 12,– €. Ab 6 J.
          Lauren Castillo: „Igel und Schnuff“. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Reinhardt. Carlsen Verlag, Hamburg 2021. 128 S., geb., 12,– €. Ab 6 J. : Bild: Carlsen Verlag

          Wer sucht, der findet, und zwar bedeutend mehr, als verlorenging. So sammelt die Igelin auf ihrem Weg – ein bekanntes Motiv – immer weitere Freunde an, Charaktertiere freilich auch hier: eine polyglotte Maulwurfsdame (bei der ein Höhlenputz ansteht; ein Knicks in Richtung Grahame), eine leicht lehrerinnenhafte Eule, einen charmant eitlen Biber, eine dusselige Henne und schließlich das erst kürzlich in die Gegend gezogene Mädchen Annika May, das seinerseits alte Freunde vermisst. Leichtfüßig überschreitet die Autorin die Tier-Mensch-Grenze. Es stößt auch nicht weiter auf, wenn durch den anfangs zeitenthoben wirkenden Märchenwald plötzlich Pizzakartons („mit übrig gelassenem Teigrand“) oder Polaroid-Fotos (mit Schnuff darauf) wirbeln. Das liegt zu einem guten Teil an der ganz gegenwärtigen Sprache, die Reinhardt gewählt hat. Verspielt ist sie dennoch. Maulwurfine, „dem wiggeligsten und wackeligsten Wesen“, das stets „wir“ sagt, weist sie etwa den zwei Grabepfoten ähnelnden, warmen Buchstaben „w“ zu: „W-wer bist du?“

          Jedes der Tiere hat eine patente Idee, wo sich die Suche fortsetzen ließe, und so besteht die anwachsende „Bande“ zahlreiche Abenteuer, ohne dass gesagt werden muss, was sich von ganz allein vermittelt: dass das größte Abenteuer die Freundschaft selbst ist. Und auch das ist nicht naiv gemeint, denn das Buch lässt durchaus erkennen, dass sich eine Freundschaft erst dann wirklich zeigt, wenn diese auf die Probe gestellt wird. In eklatanten Streit, wie bei Grahame, geraten die Tiere zwar nicht, aber sie haben doch ihre Macken. Die Eule korrigiert die anderen gern, auch stilistisch, der Biber will Schnuffs Schal behalten: „Ich habe ihn gefunden und jetzt ist er meiner!“

          Vor allem aber erweist sich Igels Versuch, sich erkenntlich zu zeigen, als katastrophal: Der Biberbau zerbricht, ein Erinnerungsbuch Annikas wird durchweicht und Igel selbst droht zu ertrinken. Alle Warnungen hatte sie zuvor in den Wind geschlagen. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Und niemand ist Igel im Anschluss böse. Eine Freundschaft, sehen wir, festigt sich just da, wo sie gebraucht wird. Das ist eine so schöne Botschaft, dass man dafür auch die für Grundschulkinder vielleicht etwas komplizierte Schreibsituation (als fiktive Autorin wird Annika eingeführt; das Buch selbst schreibt sich palimpsestartig in ein älteres Freundschaftsbuch ein) in Kauf nehmen kann. So überzeugt „Igel und Schnuff“ als freie, weibliche Sommergewitter-Adaption von Grahames recht komplexem und in Moralfragen nicht mehr restlos zeitgemäßem Buch für ein jüngeres Publikum.

          Lauren Castillo: „Igel und Schnuff“. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Reinhardt. Carlsen Verlag, Hamburg 2021. 128 S., geb., 12,– €. Ab 6 J.

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