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Kyrie McCauley: „You are (not) safe here“. Roman. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. dtv, München 2020. 400 S., br., 14,95 €. Ab 14 J. Bild: dtv

Jugendroman von Kyrie McCauley : Da ist kein Schutz

Kyrie McCauley war selbst nicht klar, was in ihrer Familie los ist. Aber dann hat sie es gemacht wie die Erzählerin in ihrem Jugendroman „You are (not) safe here“: Sie hat lange mit sich gerungen und dann die Sprache gefunden.

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          „All die Worte, die ich nicht sage. Stattdessen schlucke ich sie herunter und die Buchstaben sind spitz an den Ecken und scharf an den Kanten. Es schmerzt, wenn ich sie runterschlucke.“ Wenn man sie aufschneiden würde, denkt Leighton, fände man all diese Wörter – wie den Plastikmüll im Magen eines Wals. Leighton Barnes, 17 Jahre alt, eine der besten Schülerinnen ihrer Schule und eine hingebungsvolle große Schwester, ist sehr klar, was es ist, das sich jeden Tag in ihrer Familie abspielt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Vater ist ein Tyrann, der die Familie mit seinen Wutanfällen und sadistischen Arbeitsaufgaben in Angst und Schrecken hält. Handgreiflich wird er selten – noch. Aber wie bei vielen Bürgern des scheinbar so adretten Städtchens Auburn, Pennsylvania, liegt seine Pistole stets griffbereit. Leighton ist klug genug, zu wissen, dass in der Schraube, die sich immer weiter dreht, irgendwann auch diese Waffe eine Rolle spielen wird.

          Kyrie McCauley war nicht klar, was in ihrer Familie los ist. Aber sie hat es gemacht wie ihre Figur Leighton. Sie hat lange mit sich gerungen und dann die Sprache gefunden. Erst mit einem Studium in Sozialpolitik und Engagement gegen Frauen- und Rassenhass, nun mit einem fast 400 Seiten starken Jugendroman. Im Nachwort ihres Debüts schreibt McCauley: „Ich habe das Buch geschrieben, das ich gern mit fünfzehn Jahren gelesen hätte – als ich nicht wusste, dass es häusliche Gewalt war.“

          Mag sein, es kommt kein weiteres Buch von McCauley nach – dieses aber, noch dazu versehen mit einem für Deutschland aktualisierten Hilfe-Teil samt Telefonnummern und Internetadressen, lenkt den Blick auf ein Massenphänomen, über das gerne geschwiegen wird. Vor allem knüpft die Ich-Erzählerin Leighton, die einmal Journalistin werden will und erste, ziemlich scharfe Artikel schreibt, Verbindungen, die gerade durch die jüngsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten und überall auf der Welt hervortreten.

          Häusliche Gewalt ist mit der Corona-Isolation zu einem politischen Thema geworden. Dass es dabei nicht nur um physische Gewalt geht, schildert McCauley eindringlich und sensibilisiert so nicht nur ein junges Publikum. Gebrüll, Drohungen, Gewalt gegen Sachen reichen völlig aus, um Kinder von klein auf in Angst und Schrecken zu versetzen: Es gibt für sie keinen schützenden Ort. „Ich hasse es, dass du dich nicht sicher fühlst“, sagt Liam. Mit der schlichten Liebesgeschichte zwischen Leighton und ihm bekommt der Roman nicht nur Atempausen, sondern weitet den Blick.

          Liam, Sohn eines weißen Anwalts und einer schwarzen Lehrerin, ist gescheit, liebevoll, wohlerzogen und zielstrebig. Dass er immerzu das Gefühl hat, das sein zu müssen, als einer von wenigen Schwarzen in der ganz und gar „weißen“ Kleinstadt, ist sein Trauma. Liams Horror beginnt, wenn er aus seinem liebevollen Zuhause rausgeht, Leightons, wenn sie aus der Geborgenheit der Schule wieder nach Hause muss. Beides, die Gewalt und der Rassismus, geben „You are (not) safe here“ im Spiegel der derzeitigen Ereignisse noch eine größere Dringlichkeit. Erst recht gepaart mit der guten Gesellschaft, die schweigt, egal was sie von einer Familie hört oder sieht. Und die es absolut in Ordnung findet, wenn Männer gerne schießen. „Hier nennen sie Ignoranz Tradition und machen weiter, als ob sie sich das Recht erworben hätten, grausam zu sein“, resümiert Leighton.

          McCauley kreuzt diese Zusammenschau der Ursachen von Gewalt mit mehreren Kunstgriffen aus dem Zauberkasten des magischen Realismus, die nicht alle gelungen sind. Das Haus, das der Vater vom Großvater geerbt hat wie die Wut und die Gewalt gegen die eigene Familie, führt ein bizarres Eigenleben. Und ein auf Zigtausende anschwellender Krähenschwarm, ein Phänomen, das tatsächlich immer wieder einmal zu beobachten ist, wird zum Zeichen: Leighton und ihre beiden jüngeren Schwestern sehen die Krähen als Freunde, die weißen, bewaffneten Bürger der Stadt wollen sie loswerden – auch mit einer Massenjagd.

          Mehr und mehr tritt im Roman hervor, dass die Krähen für all das stehen, was unter den Teppich gekehrt wird. Am Ende verschwinden sie. Der sprechende Originaltitel „If These Wings Could Fly“ musste in der deutschen Ausgabe dem Titel „You are (not) safe here“ weichen. Das Buch dürfte jungen Lesern trotzdem zufliegen.

          Kyrie McCauley: „You are (not) safe here“. Roman. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. dtv, München 2020. 400 S., br., 14,95 €. Ab 14 J.

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